Aus der Amazon.de-Redaktion
"Am Anfang war das Nichts. Und das Nichts war weder leer noch unbestimmt; es verlangte nach nichts anderem als sich selbst. Und Gott sah, dass es gut war. Für nichts auf der Welt hätte er irgendetwas erschaffen. Das Nichts genügte ihm nicht nur, es erfüllt ihn." Diese eigenwillige Auslegung der Schöpfungsgeschichte beschreibt zugleich den Lebensbeginn der Protagonistin in Amélie Nothombs neuem Roman
Metaphysik der Röhren, der von den ersten drei Lebensjahren einer Tochter aus belgischer Diplomatenfamilie in Japan handelt. Denn als Baby kam sie sich wie eine Röhre vor: innen hohl, unbeweglich, wunschlos und auf rein vegetative Vorgänge reduziert -- und trotzdem aufmerksam ihre Umgebung betrachtend mit einem schonungslos analytischen, beizeiten entlarvenden Blick.
Dieses Mensch gewordene Phlegma beginnt eines Tages aus vollem Hals zu brüllen: ein Vorfall, der so verwunderlich ist, dass die Eltern die belgische Großmutter ins ferne Japan einladen, um ihr Enkelkind, das sich vom schlafenden Etwas in ein lärmendes Ungeheuer verwandelt hat, einmal genauer kennen zu lernen. Die Oma schenkt dem Kind weiße Schokolade und ruft es so ins Leben. Es wächst zum Ich, das sich seiner Emotionen und seines Missfallens seiner Umwelt gegenüber jederzeit bewusst ist.
Dennoch: die aus der Ich-Perspektive geschriebene Metaphysik der Röhren ist keine Kindheitserzählung, sondern vielmehr eine spannende Betrachtung über Leben, Sprache, den Verlust naiv-göttlicher Glückseligkeit, Beziehungen, Identität und Herkunft. Ein im doppelten Wortsinn wunderbarer Text, zutiefst traurig, hoch intellektuell und zuckersüß-ironisch zugleich. Jedes weitere Wort über den Inhalt würde das Buch entzaubern und das eigentümlich-geniale Vergnügen zerstören, das Nothomb ihren Lesern ein weiteres Mal meisterhaft bereitet. --Lutz Günther
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Am Anfang war das Nichts. Ein Lebewesen, das sich nicht rührte, nicht schrie. Bis die Großmutter weiße Schokolade aus Belgien brachte. Da wurde das Wesen zum Menschen. Zum Kleinkind im japanischen Garten Eden.
Doch mit drei Jahren wird es aus dem Paradies vertrieben - von drei Karpfen.
Über den Autor
Amélie Nothomb, 1967 in Kobe geboren, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China verbracht. Nach Abschluß ihres Philologiestudiums hat sie beschlossen, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt in Brüssel. Die Autorin schreibt, seit sie siebzehn ist.Wolfgang Krege, geboren und aufgewachsen in Berlin. Philosophiestudium an der Freien Universität Anfang der 60er Jahre. Lexikonredakteur, Werbetexter, Verlagslektor. Seit 1970 Übersetzer ("Silmarillion ", "Hobbit", Anthony Burgess, Annie Proulx, Amelie Nothomb und viele andere), erste Lektüre des "Herrn der Ringe" 1970, Neuübersetzung des "Herrn der Ringe" 2000.