"[S]o höret: Nichts auf der ganzen Welt ist beständig! Alles fließt, und jede Erscheinung wandelt sich im Lauf der Zeit. Auch sie selbst, die Zeit, ist in ewiger Bewegung und zieht wie ein Strom dahin." Dass diese Sequenz im 15. Buch unter Pythagoras zu finden ist, macht bereits jenen zum Esoteriker. Denn so Ovid: "Sein Geist schwang sich auf zu den Göttern [...] und was die Natur menschlichen Augen verhüllte, das sah er klar mit der Schärfe seines Verstandes."
Diese 15 Bücher über die Metamorphosen, anverwandelt aus der griechischen wie römischen Fabelwelt, den Mythen jener Zeiten, sind eine Fundstelle noch heute gültiger Bilder und Geschichten. Wenn wir mit Argusaugen auf etwas sehen, mit Pygmalion dem Wunsch Realität geben, mit Echo und Narziß die eine Stimme verdeutlicht bekommen, mit Midas begriffen haben, dass es Goldenes gibt, ohne so zu scheinen oder im Sinne der Überzeugung nur becircen, dann wissen wir: hier sind wir bei Publius Ovidus Naso (43 v.Chr. -17 n.Chr.), der zwischen dem 2. und 8. Jahrhundert n. Chr. die Metamorphosen verfasste, eine sehr unterhaltsame Replik auf jene alten Geschichten dem Leser zugänglich machte und alles verband mit dem Ernst einer Vision, dem Humor und dem Witz für manche Verwandlung und auch nicht auf das Frivole wie Anzügliche verzichten wollte. Der Dichter der
"Amores" und
"ars amatoria" beginnt mit der Erschaffung der Welt, mit der Idee des Goldenen Zeitalters in einer Anlehnung an Hesiods
"Werke und Tage" und weiß den Menschen als "Krone der Schöpfung" einzuführen, die später Gottfried Benn in einem Gedicht ins 20. Jahrhundert rettete. Das erste Buch ist wie die Genesis, eine Schöpfungsgeschichte von Allem und Jenem, eine Hinführung zu den Menschen, Tieren und Pflanzen, die sich in Verwandlung neu offenbaren. So wie man die Frage sich stellen könnte, warum der Schlaflose zum Schlaf gebracht werden kann, wo er doch schlaf-los ist, so weiß man die Antwort in der Phantasie eines Ovids zu finden, der der Kraft der Verwandlung, getrieben von Liebe, Leidenschaft und Sehnsucht, eine Maxime gibt, die niemals überboten werden kann.
Ob die Geschichten zu alt sind, um heute noch zu gelten? Sicher nicht, wenn man bedenkt, dass manches Kind den Vater nicht kennt und in der möglichen Begegnung vielleicht wie Phaeton sagen würde: "Give me the key of your car." Phoebus, der Sonnengott, nicht zu sehen, weil im Licht der Sonne kein Sehen möglich und so gibt er zum Beweis dessen Abstammung dem Sohn Phaeton den Sonnenwagen und was geschah, wissen wir. Wir wissen, dass man Wünsche zu achten hat, denn sie könnten in Erfüllung gehen. So wie der Jäger im Anblick der schönen Diana, der Göttin der Jagd, den Wunsch nicht verbergen wollte, in ihrer Nähe zu sein. Diana ahnte es und verwandelte ihn in einen Hirsch und so wurde der Jäger Opfer seiner Hunde, die mit ihm auf der Hirschjagd waren.
Nun kann man nicht all diese Geschichten aufzeigen. Wichtig zu erwähnen ist, dass diese Ausgabe vollständig alle Bücher der Metamorphosen umfasst und ergänzt ist um ein wichtiges Register, ein übersichtliches Inhaltsverzeichnis und eine kurze aber gute Einführung.
Wichtig aber auch zu wissen ist, dass alles, was wir hier lesen, von uns erzählt, dem Menschen in seinem Leben und vom dem, was er gelebt haben könnte. Von Gaben, die wir empfangen haben könnten, Leiden, die andere in der erzählerischen Form erlitten haben. Die Metamorphosen erzählen den Anfang und das Ende des Menschenlebens. Alles was sie zeigen, ist das verwandelte Eine, ein verschiedenes Gewand der ursprünglichen Ideen und Bilder. Stolz, Leidenschaft und Gier sind die Inhalte wie auch der Zweifel und die Liebe, die dahin fließt wie Wasser und sich verändert und den Menschen verändert. Ovid lehrt, den Blick nicht auf den Staub der Füße zu lenken, sondern gen Himmel, ein wenig Stolz ist dabei aber immer ist er voller Sehnsucht. So schwärmt auch Mary Zimmerman (1960-) in Beschreibung ihres preisgekröntes Stückes "Six Myths / Metamorphoses" aus dem Jahre 2002. Wer Gelegenheit hat, dieses Schauspiel zu sehen, der möge es tun. Ausgewählte Verwandlungen des Ovids als Schauspiel dargeboten erfreuen und beleben und zeigen auf, was Ovid an Größe besaß, diese Verwandlungen des Menschseins jenseits der nur schillernden Oberflächlichkeiten für die Ewigkeit zu hinterlassen.
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