Lust auf einen langen wilden lustvollen Parforceritt durch alles, was der deutschen Hochkultur und Intellektuellenszene heilig ist? In den Preis inbegriffen sind zahlreiche Seitenhiebe auf den Kulturbetrieb im Allgemeinen und den Bayerischen Rundfunk im Besonderen. Aufs Korn genommen und per Blattschuss erledigt werden aber auch unerträgliche Biedermannfamilien, Beziehungskrisen und Bohemien-Klischees. In den aberwitzigen Handlungssträngen wuseln Figuren mit Charakter und von höchstem Wiedererkennungswert herum, dass es eine Freude ist. Das alles und noch viel mehr gilt außerdem zu Recht als eine glänzende Satire auf den BND, den wahrheitsgetreu geschildert zu haben Herbert Rosendorfer im Nachwort süffisant aber energisch leugnet. Und dabei ist es doch zuvörderst eine zu Herzen gehende Liebesgeschichte mit integriertem Happy End der etwas anderen Art...
Das vermeintliche Chaos hat aber viel System und eine Handlung, die man nie ganz aus den Augen verliert. Dieser Roman lässt sich in keiner Silbe anmerken, wie viel akribische Sorgfalt Rosendorfer drangegeben haben muss. Doch nicht nur die Handlung ist durchkomponiert wie eine Mozart-Symphonie, sondern auch die Sprache ist stilistisch vom Feinsten. Da beherrscht ein Autor die Sprache und kann mit ihr alles anstellen, ohne dass auch nur ein Halbsatz angestrengt klänge oder gar manieriert. Man merkt womöglich beim ersten Lesen gar nicht, wie fein beobachtet das alles ist bis ins kleinste Detail, wie souverän Rosendorfer über die deutsche Sprache verfügt und sie immer genau dahin schickt, wo er sie haben will.
Das klingt nicht nur vielversprechend, sondern es hält die Versprechungen auch, gibt sogar reichlich Zugaben.
Ausgelöst hat das Ganze, als der beleidigte Engerling, auch "Kröte" genannt, sich bei Albin und Renate Kessel einquartiert hat. Die Kröte ist Renates Tochter aus erster Ehe. Andererseits hat's angefangen mit einem bemerkenswert schauderhaften Familienurlaub der Wünse-Sippe, den Albin Kessel irgendwie überstehen muss. Bei den Wünses handelt es sich -- Sie kommen doch hoffentlich noch mit? -- um die Mischpoke von Renates erstem Gatten und Vater der Kröte. Es könnte aber auch angefangen haben mit Onkel Hans-Otto Wünses Ankunft und Eingreifen während bzw. nach diesem Urlaub. Oder mit Brunos Begeisterung für die Habsburger-Dynastie im Allgemeinen und mit "La Paloma" im Besonderen. Den Bruno hat Herr Kessel übrigens an einem ereignisreichen Abend in einer Münchner Vorstadtwirtschaft kennengelernt, als er offiziell mit seinem alten Freund Jakob Schwalbe Schach spielt. Jakob Schwalbe wiederum genießt gerade ein Tête-a-tête mit Bingül Haffner und heißt eigentlich mit zweitem Vornamen "Stahlhelm" (er ist Jahrgang 1935), und sein Äußeres ist das menschliche Äquivalent zum Schmerzensgaul älterer Lexika, jenem gezeichneten armen Viech, das der Anschaulichkeit wegen mit allen möglichen Pferdegebresten auf einmal geschlagen ist. Im Zivilberuf ist Schwalbe Musiklehrer und verfasst gelegentlich Artikel für musikalische Fachliteratur, in die er allerliebste U-Boote schmuggelt; er weiß sogar Erstaunliches über den deutschen Tondichter Otto Jägermeier zu berichten... Aber Jakob Schwalbe ist nur einer der vielen Romanfiguren, die man ins Herz schließt: Da ist natürlich das "Walross mit Locken" namens Bruno, der Scherben in die Luft wirft und eine Vase auffängt, natürlich gibt es noch zu nennen den bis ins Mark baltischen Grandsegnieur Baron von Güldenberg in BND-Diensten mit "einem Gesicht wie für ein Monokel geschaffen", da ist der aus dem "Ruinenbaumeister" vertraute Dr. Jacobi.. . Alle sind sie skurril, die Figuren. Nicht minder skurril sind die Szenen, aber zugleich so lebensecht, dass man nie bezweifelt, ob solche Zeitgenossen tatsächlich existieren. Nein, wahrlich keine (Stereo-)Typen bevölkern diesen Roman, und dennoch denkt man öfters, dass man so einem doch schonmal begegnet ist...
Und natürlich ist da Julia, Albin Kessels Liebe seines Lebens. Und nicht zu vergessen: ein Messingherz von hoher symbolischer Aussagekraft.
Der Held wider Willen des Ganzen ist aber Albin Kessel. Er schlägt sich mit dem Verfassen von Radio-Features durch; früher verfasste er mit mäßigem Erfolg populärwissenschaftliche Bücher über obskure Völker; sein letztes Monumentalwerk über die Gnicken, ein Volk, das um 400 v.Chr. umständehalber an der Entstehung gehindert wurde, konnte er nicht vollenden. Der Verlag ging nämlich pleite... Dem ging Kessels Millionärszeit voran: Sein "Informationsdienst St. Adelgund", der katholische Geistliche diskret über aktuelle Sittenlosigkeiten in Wort und Bild informierte, ließ ihn ungeahnten finanziellen Höhen entgegenfliegen, natürlich mit kraftvoller Bauchlandung bzw. Bauchplatscher als Finale furioso.
Wie also fing das "alles" an... Hmm. Eigentlich ist das ja egal, denn wie man aus zahlreichen Rückblenden erfährt, hat alles schon viel früher begonnen, schon vor Albin Kessels erster Ehe und auch vor seiner Millionärszeit. Alles -- das umfasst auch seine Rekrutierung für den BND und seine unzähligen skurrilen Abenteuer im Innendienst des BND, die in dem famosen geheimen Manöver "Papierkrieg" gipfeln.
Zu erwähnen wäre eigentlich noch viel mehr. "Das Messingherz" ist nämlich ein fulminanter Roman, in dem irgendwie alles mit allem zusammenhängt, wirklich alles mit allem, und Rosendorfer hinterlässt keinen einzigen losen Erzählstrang. Da wird das Lesen zum Vergnügen, zumal der Roman sich aus tausend und einer skurrilen Begebenheit zusammensetzt.
Man kann das alles beim besten Willen nicht mehr nacherzählen, das ist einfach zu gut, aber lesen muss man es unbedingt.
Der Urknall dieses famosen Schelmenromans -- den könnte ein gewisses im Walde gefundenes Messingherz ausgelöst haben. Aber wer kann das wissen? Jedenfalls schleicht sich der Roman am Ende nicht klammheimlich von der Bühne wie ein ertappter Lügner, sondern explodiert in majestätischer Würde.
"Das Messingherz" ist also viel mehr als nur eine gekonnte Verknüpfung amüsanter Momentaufnahmen, denn die Handlung verläuft nie im Sande. Sie geht unerbittlich voran, allerdings in verschiedenen Tempi: Mal hat sie's tatsächlich eilig und witscht los, dass einem Hören und Sehen vergeht, aber zum Glück hält sie oft genug inne, weil sie auf was ganz Besonderes stößt, das alle anderen übersehen haben, oder eine Erinnerung erfordert eine Atempause und bekommt sie auch.
"Das Messingherz" enthält nämlich ein ganzes Bündel erzählerischer Kaleidoskope, dargeboten in phantastischer Erzählkunst -- aber so, wie Rosendorfer das alles zurechtschüttelt, hat der Roman haargenau die richtige Dosis Wirklichkeitsnähe, und vor lauter Leichtfüßigkeit merkt man zunächst nicht, wie ausgefuchst Rosendorfer das alles ausbaldowert hat. Die Phantasie schlägt Haken, gerät aber nie ins Schleudern. Der Leser merkt, dass er nicht für dumm verkauft werden soll. Rosendorfer schrieb hier kein eitel Blendwerk, sondern ein opus maximum, das lange Zeit von der gehobenen Literaturkritik bestenfalls mit spitzen Fingern angefasst wurde. "Igitt, was Komisches", hör ich sie zischen, die Anathemata-schleudernde Kulturträgerschaft. Dass der Bagage deswegen ein in jeder Hinsicht phantastischer Roman entgangen ist, der zum Besten gehört, was hierzulande in den letzten 50 Jahren geschrieben wurde, das geschieht ihr recht. Rosendorfer schrieb mit seinem "Messingherz" nämlich einen Roman, an dessen Ideenreichtum, Hintergrundwissen und Fabulierlust und -können viele hoch gehandelte Autoren sich verhoben hätten. Aber nicht Rosendorfer. Der verhebt sich nicht nur nicht, nein, der jongliert mit dem allem, dass es eine Lust ist zu lesen.
Ein selten kluges Buch, das seine Klugheit nicht wie eine Monstranz vor sich herträgt. Nirgends blökt einem ein unausgesprochenes "Anspruch!" in Großbuchstaben entgegen. Man darf's ganz einfach lesen und sich bestens davon unterhalten lassen. Jedenfalls gehört das "Messingherz" zu jenen Büchern, die ich passagenweise auswendig kann, und in denen ich auch dann noch lesen werde, wenn ich alle 581 Seiten in der richtigen Reihenfolge auswendig hersagen könnte.