Olivier Messiaen hatte lange Zeit Bedenken eine Oper zu schreiben. Als Rolf Liebermann ihn 1975 fragte, ob er eine für die Pariser Oper schreiben würde, zögerte der Komponist daher zunächst. 1983 schließlich kam es zur Uraufführung. »Saint Francois d'Assise«, im Untertitel als »Franziskanische Szenen« bezeichnet, ist freilich kaum der Gattung Oper zuzuordnen. Besser beschreiben lässt sich das Ganze als acht szenische Meditationen über das Leben des heiligen Franziskus oder als modernes Mysterienspiel. Als »Opus Summum« lässt das Werk nichts vermissen, was für Messiaens Schaffen charakteristisch ist: Die musikalische Verherrlichung Gottes als Liebe, Freude, Schönheit, den Einsatz aller orchestralen Farben, von der schlichten Melodie bis zum aufgetürmten Tutti, von Vogelstimmen und Ondes Martenot. Die tiefe Innerlichkeit geht dabei nie zu Lasten der dramatischen Wirkung, die entwaffnende Naivität der Aussage nie auf Kosten von deren eminenter Tiefgründigkeit.
Die Aufnahme ist eine diskographische Großtat. Getragen wird die außerordentliche Leistung insbesondere von einem superben José van Dam in der Titelrolle, der er Kraft und Wärme zu verleihen vermag. Ihm gelingt es, die demutvolle Haltung des Rollencharakters auch gesanglich umzusetzen ohne dabei an Autorität und Präsenz einzubüßen: sein Gesang ist geradlinig, unprätentiös und dennoch machtvoll und mit dezentem Pathos. Ebenfalls hervorzuheben ist Dawn Upshaw in der Rolle des Engels, den sie mit glockenreiner Stimme singt. Kent Nagano, das Hallé Orchestra und der Arnold Schoenberg Chor bieten eine interpretatorische Meisterleistung. Sie bestechen durch orchestrale Brillanz und Präzision, laufen aber nie Gefahr, oberflächlich zu bleiben oder sich auf die klanglichen Effekte der gewaltigen Partitur zu verlassen. Der tiefe Ernst, die Innerlichkeit und die Sperrigkeit, die durch die ungewohnt undistanzierte, unironische Haltung des Werkes gegeben ist, kommen so prächtig zur Geltung. Toll auch, dass die Deutsche Grammophon sich auf solch ein sicher nicht sehr lukratives, aber in jedem Fall künstlerisch lohnenswertes Projekt eingelassen hat. Eine Referenz-Aufnahme!