Willem Tankes Messiaen-Gesamtaufnahme wurde seit ihrem Erscheinen merkwürdigerweise mit vielen positiven Worten bedacht, und der Interpret hat sich nicht zuletzt durch diese Aufnahme den Ruf eines gewissen Messiaen-Experten erworben.
Kritisch gehört, kann die Aufnahme m.E. jedoch vor der mittlerweile großen Konkurrenz an Gesamtaufnahmen nicht bestehen. Da sind zum einen die zahlreichen gravierenden Spielfehler, die stehengeblieben sind (ja, man hört falsche Noten bei Messiaen!): neben der technisch schlampigen Version von 'Dieu parmi nous' sei v.a. erwähnt das Ende von 'Transports de joie', wo Tanke beharrlich c statt cis spielt, und der Schluß von 'Les Bergers' mit einem peinlichen Patzer im Pedal, der dringend hätte ausgebessert werden müssen.
Nicht überzeugen können auch manche Registrierungen, etwa in 'Jesus accepte la souffrance' oder 'Joie et clarté des corps glorieux', die das jeweilige Stück klanglich total entstellen, wie überhaupt die Adema-Orgel von St. Bavo keinen besonders guten klanglichen Eindruck macht (ob dies am damaligen Zustand der Orgel oder an der Aufnahmetechnik liegt, vermag ich nicht zu sagen).
Es ist manchmal behauptet worden, Tankes Aufnahme würde durch ihre langsamen Tempi bestechen und besonders meditativ wirken. Das ist barer Unsinn, denn Tanke ist keineswegs ein durchweg langsamer Messiaen-Interpret, wie ein Vergleich mit anderen Messiaen-Aufnahmen zeigt (seine Aufnahme des 'Diptyque' ist sogar die schnellste mir bekannte!; ausgesprochen langsam ist Tanke lediglich in den 'Méditations sur le Mystère de la Ste Trinité'). Das Problem liegt viel eher darin, dass Tanke völlig die für Messiaen so essentielle agogische Flexibilität fehlt. Das emotional aufgeladene spätromantische Rubato-Spiel ist von Messiaen selbst nachweislich praktiziert und gefordert worden (siehe seine eigenen Aufnahmen und siehe Latrys bei Carus erschienenen Messiaen-Studie) und findet sich in allen wirklich bedeutenden Messiaen-Aufnahmen der letzten Jahrzehnte, von Bate über Weir bis zu Ericsson. Verglichen hiermit ist Tankes Spiel zu gradlinig und unbeteiligt. Dies mag den rhythmisch intrikaten Werken ab dem 50er Jahren zugute kommen - aber hat man das Ende von 'Dieu parmi nous' jemals langweiliger und uninspirierter herunterexekutiert gehört?
Hierzu gehört auch, dass die bei Messiaen so wichtigen Pausen nicht ausgestaltete Bestandteile der musikalischen Struktur sind (wie besonders eindrucksvoll bei Ericsson), sondern dass die Pausen meistens Zufallsprodukte sind, die hörbar (!) zum Umregistrieren und Notenumblättern genutzt werden. Auch wenn die Aufnahme in wenigen Takes produziert wurde (siehe Booklet), dürfte es etwas mehr Perfektion sein.
Unerreichte Messiaen-Gesamtaufnahme ist und bleibt für mich diejenige von Hans-Ola Ericsson: an einem besseren Instrument, mit besserer Aufnahmetechnik und v.a. mit einem Spieler, der mehr zum Thema Messiaen zu sagen hat.