Von vielen Musikhistorikern wird dieses Werk für "das beste aller Zeiten und Völker" gehalten, allerdings auch für einen "kaum auszulotenden Kosmos", also nur schwer richtig und tiefgründig genug zu interpretieren.
Jedenfalls ist mir der Zugang beim Hören als junger Mann nicht leicht gefallen, schon weil der Messtext ja keine dramaturgischen Ansätze bietet wie etwa die Ostergeschichte für die Matthäuspassion. Live-Interpretationen von Laienchören erschweren ihn noch mehr, weil sie den Anforderungen des Werkes in der Regel nicht gewachsen sind. Und schließlich konnte ich früher die Konzentration über die fast zweistündige Dauer der Messe nicht halten, weil ich nicht gut genug verstehen konnte, was musikalisch vor sich geht. Nach unzähligen Hördurchgängen über viele Jahre kommt sie mir nun kurzweilig und musikalisch ungeheuer spannend vor. Bei einem Berufsmusiker dürfte das zwar schneller gehen, aber drei der vier Aufnahmen, die ich auf CD besitze, erwecken den Eindruck, daß die Chöre/Orchester nicht entspannt musizieren, da möglicherweise nicht lange genug geprobt worden ist und/oder, daß der gewählte Interpretationsansatz nicht so plausibel ist wie bei Herreweghe und daher ein Rest von Nervosität und Spannung verbleiben mußte. Er allein findet perfekte Lösungen für Agogik und Rubato. Der historischen Aufführugspraxis entsprechend läßt er zwar auch staccato spielen, aber es wirkt nicht gehackt, gestampft oder trivial wie stellenweise bei den Kollegen sondern ist in einen faszinierenden rythmischen Fluß eingebunden, der kontinuierlich alle Teile des Werkes durchströmt und verbindet. Dies trifft auf den Chor wie das Orchester gleichermaßen zu. Beide sind außerdem perfekt zusammen, intonieren makellos und erleichtern so ungemein das Durchhören der Stimmen und der vertikalen harmonischen Bezüge.
Bezeichnenderweise kommt der Eindruck von Virtuosität" nicht auf. Technische Schwierigkeiten muß dieses Ensemble schon so lange hinter sich gelassen haben, daß Muskelspiele abwegig wirken würden und nur noch das wunderbar interpretierte Werk selbst auffällt.
Daß Gefühle hier so eruptiv ausgedrückt werden müßten, wie in den Passionen halte ich für falsch. Die Texte der Messteile stehen nun einmal einer distanzierter zurückschauenden Gebetsformel und ihrer Heilsgewißheit näher als der szenische biblische Bericht der Leidensgeschichte Jesu, deren Ausgang lange offen bleibt und von Pilatus ja anders gewollt war. Trotzdem hat Herreweghes Gloria den Ausdruck strahlender Freude, das Kyrie den einer verzweifelten Bitte usw., die adäquaten Gefühle sind also alle vorhanden.
Die Solisten sind großartig, Zomer und Gens, wobei letztere von innen zu leuchten scheint, Scholl, Pregardien, Müller-Brachmann. Kooy, den ich auf anderen Aufnahmen wunderbar finde, könnte ganz leicht indisponiert gewesen sein oder der junge Kollege hat ihn verunsichert.
Die Aufnahmetechnik bietet leider ein zwiespältiges Bild. Akustik des Aufnahmeraums und Mikrofonierung sind exzellent, selbst mit Kopfhörer sind die einzelnen Stimmgruppen symmetrisch und sauber getrennt in der Tiefe des Raumes zu hören, auch die Orchesterstimmen weiter vorne. Jedoch gibt es leider leichte Übersteuerungserscheinungen bei lauten Stellen des Chorsoprans und auch einen leichten Kammfiltereffekt beim Solistenmikrofon während eines Solos von Scholl. Beides habe ich zunächst zurechtgehört", da ich von der musikalischen Leistung sosehr beeindruckt war. Dann habe ich es auf meinen Kopfhörer geschoben aber auf meiner großen Anlage war es deutlicher zu identifizieren.
Dem ungeübten Hörer wird beides wahrscheinlich nicht auffallen. Es kann mich keinesfalls dazu bringen für diese Aufnahme weniger als fünf Sterne zu vergeben. Wenn ich sie selbst gemacht und mit diesen Fehlern abgeliefert hätte, würde ich mir allerdings Vorwürfe machen, obwohl ich nur Amateurtonmeister bin.