Bevor die historische Aufführungspraxis "erfunden" war, wurden die großen geistlichen Werke - und nicht nur die - von Johann Sebastian Bach in pseudoromantische Gewänder gehüllt. Karl Richter sei hier als ein Beispiel genannt, der sich mit seinem Münchner Bach Orchester bis heute - zurecht - großer Beliebtheit erfreut. Derartige Interpretationen legten sehr viel Wert auf das, was hinter der Partitur liegt: auf die zutiefst menschliche Aussage des bachschen Chorwerkekosmos.
Die allzu erdrückende Schicksalsschwere, die diesen Darbietungen allerdings anlastet, entfremdete die Stücke zu weit von ihrem ursprünglichen Wirkungsumfeld - der Kirche.
Mit dem Aufkommen der historischen Aufführungspraxis hat sich da einiges geändert. So große Werke wie die hier eingespielte h moll Messe BWV 232 wurden überflüssigen Tands entledigt, wurden schlank, transparent und von einem gewissen, teils verfälschenden Anachronismus befreit. Und siehe da: Plötzlich werden zarte, intime, gar pittoreske Elemente offenbar, die man vorher nur zu leicht überhört hat.
Mittlerweile grenzt es ja beinahe an ein Sakrileg, bachsche Chorwerke nicht historisch einwandfrei darzubieten. Nicht nur Originalinstrumente, sondern auch ein authentischer Chor gehören hier zum A und O. Im Reigen der vielen Dirigenten, die sich darum verdient gemacht haben, war es für mich immer John Eliot Gardiner, der die allgemeingültige Botschaft des umfangreichen Oeuvres Bachs besonders gut verstand und vermittelte. Puristen werden seiner herausragenden Einspielung der h moll Messe vielleicht vorwerfen wollen, dass man seit 1985, als die Aufnahme entstand, noch mehr dazu übergegangen ist, auch die Chöre kleiner zu halten - Ton Koopman sei hier als Beispiel genannt.
Der Transparenz in Gardiners Deutung tut das jedoch keinen Abbruch. Man höre sich allein das herrliche Nebeneinander von Solisten und Chor im anfänglichen Kyrie an, das voller Tragik und Tiefsinn steckt!
Gardiner arbeitet die schnellen und häufig sehr überraschenden Stimmungswechsel innerhalb der Gesamtkonzeption der Messe fein und akribisch heraus. Während die Stimmung im Kyrie eher gemessen und niedergeschlagen wirkt, erscheint das Werk im sich anschließend Gloria hell und klar. Die Atmosphäre wird hier selten von düsteren Einwürfen getrübt. Immer wieder berückend ist es, zu hören, wie vielgestaltig Bach Tutti und Solopassagen abwechselt und mit welcher Liebe und Hingabe er letztere verziert.
Gardiner setzt Tutti und Soli grandios in Kontrast. Hier kommen ihm seine brillant aufspielenden English Baroque Soloists, sein Weltklasse Chor, The Monteverdi Choir, und herausragende Solisten - gepaart mit einer perfekten Aufnahmequalität - sehr entgegen. Die Spannung, die der Dirigent erzeugt, und die Farben, mit denen er charakteristische Passagen wie das "Et resurrexit" aus dem Credo Teil ausmalt erzeugen ein fein nuanciertes und scharf akzentuiertes Klangspektakel, das berührt und packt.
Viele werfen Gardiner vor, dass er etliche Passagen zu flott nimmt und ihnen damit die sakrale Weihe raubt. Dem entgegenzuhalten ist einerseits, dass die h moll Messe schließlich ein hochvirtuoses Musikstück ist. Bach konzipierte es geradezu als Hinterlassenschaft all des Wissens und Könnens, welche er auf dem Gebiet der Chormusik angehäuft hatte. Und andererseits wirkt Gardiners Tempo nie überzogen oder gezwungen. Wie sonst gelangten solch innige Passagen wie das "Benedictus, qui venit" zu solcher Intensität, die der geneigte Hörer hier vernehmen kann?
Fazit: Gardiners Wunderwerk mag vielleicht nicht jedem gefallen. Rein technisch ist seine Interpretation tadellos. Aber - und das ist noch viel wichtiger - vor allem schafft er es, die Partitur hinter sich zu lassen und dem Publikum auf der ganzen Welt die universale, transzendentale Aussage dieser Musik ein gutes Stück weit näher zu bringen.