Bevor ich zu "Merrick" komme, ein paar Worte zur gesamten Serie: An "The Vampire Chronicles" läßt sich erstaunlich gut das jeweils momentane gesellschaftliche Klima der USA erkennen. Anne Rice ist eine politisch sehr engagierte Autorin, die auch sich auch immer wieder zu aktuellen Themen zu Wort meldet. Da sie für ein breites Publikum schreibt, machen ihre Werke subtil die Schwankungen in der öffentlichen Moral mit. Genaueres dazu:
als der erste Band 1976 erschien betrat die Autorin noch die letzten Ausläufer des weiten Feldes der ausgehenden Postmoderne, wo eigentlich alles möglich und erlaubt war, Stil-und Genremixe die Regel. So wird "Interview with a Vampire" eine gelungene Mischung aus fiktiver Autobiographie und Gothic-Roman. Die Beziehung zwischen erstmalig zwei männlichen Vampiren schildert sie als Haßliebe zwischen einem Pragmatiker (Lestat) und einem Melancholiker (Louis), mit nur leichten homoerotischen Andeutungen. Im zweiten Band, der Anfang bis Mitte der toleranten 80er entstand, wird Rice mutiger und läßt den Vampir Lestat bisexuell auftreten, dies zieht sich durch bis Band 4. Auffällig an der Entwicklung der Vampir-Charaktere ist in der Tat, daß die Figuren immer perfektionistischer entworfen werden, ähnlich dem zunehmenden realen Perfektionsdrang in den USA, Schönheits-OPS inclusive. In Band 5 von 1994 kommt plötzlich die Religion verschärft zum Tragen, Lestat setzt sich mit Gott und Teufel auseinander.
In "Merrick" schließlich demontiert Rice nun einen Teil ihres eigenen Entwurfs und leitet eine interessante Wende ein: Louis wird nun eine Freundin gegeben, damit die selbstgeschaffene homosexuelle Tendenz für Leser wieder zurückgenommen wird, die Rice seit den letzten Jahren nicht mehr zusagt. (Die vorherigen Bände lassen nicht natürlich nicht mehr ändern.) Melancholiker Louis, den Anne Rice laut eigener Aussage zu verabscheuen begann, weil ihr so schwächlich und unsicher erschien, wird von ihr transformiert zu einem selbstsicheren neuen Charakter. Damit wird zugleich auch der letzte Selbstzweifel aus Rice Romanen genommen, denn es war immer dieser eine Charakter, der für das "Aber..." und das "Warum...?" stand. (Warum muß ich töten? Man überlege einmal, wie berechtigt diese Frage ist!)
"Merrick" weist damit in die neue Richtung amerikanischen Selbstverständnisses: der Wunsch nach von sich selbst überzeugten, äußerlich makellosen, religiösen, heterosexuellen Tatmenschen ohne Zweifel am eigenen Tun. Der Tod der Opfer wird nun ohne Nachfrage hingenommen, die Vampire beißen ja nur "Evil-doer", so haben es sich die Blutsauger versprochen. Diese schlechten Leute verdienen den Tod. Aber wer bitte wagt darüber zu entscheiden? Fällt Ihnen da nicht auch eine Parallele auf? Und wie war das noch mit "Schurkenstaaten"?
Nur drei Sterne für diesen Teil, da mir die neue Ausrichtung der Reihe nicht behagt. Gerade Unterhaltungsliteratur wirkt auf die Ansichten breiter Mengen ein und die subtile Bejahung eher beunruhigender gesellschaftlicher Entwicklungen hinterläßt einen bitteren Geschmack.