Woody Guthrie konnte es zum Glück nicht lassen, das Liedertexten, auch als er längst zu krank war, um seine Songtexte noch selber zu vertonen. Aber die Texte sind erhalten geblieben, und zwar etwa 3000 (in Worten: dreitausend). Woody Guthries Tochter Nora bewacht den Nachlass gottlob nicht wie der Zerberus, sondern sucht sich immer wieder Bands, denen dazu die passende Musik einfallen könnte, und Nora Guthrie wählt gut: 1995 durfte Billy Bragg im Archiv stöbern, und er wählte sich Texte aus, die man nicht alle automatisch mit Woody Guthrie assoziieren würde; die meisten (soweit datierbar) stammen aus den 40er Jahren; der Zeit, in der Guthrie mit seiner Familie im Einwandererviertel von Long Island lebte. Manche Texte beziehen sich auf aktuelle Anlässe ("Ingrid Bergman", "Eisler on the Go"), manche erinnern an Guthries bekannteste Protest-Songs ("California Stars", "Christ for President"), aber manche sind auch "nur" Liebeslieder ("One by One"), oder wortgewordene Blicke aus dem Fenster hinaus auf quirliges Immigrantentreiben und stilles Immigrantenelend.
Aus diesen Vorlagen machen Billy Bragg und die Band Wilco ganz einfach schöne Musik, die Guthries Texte widerspiegelt: schnörkellosen ideenreichen Folk. Aber keinen sanften Folk, sondern Folk von der ungebügelten, rauhen Sorte. Dafür sorgen schon die Sänger: Billy Bragg natürlich, aber auch der Wilco-Chef Jeff Tweedy bei gut der Hälfte der Songs. Außerdem gibt es noch zwei feine Gastauftritte von Nathalie Merchant, einmal als Duettpartnerin von Billy Bragg, einmal solo.
Unter der unverkennbaren Regie von Billy Bragg machen sich hier Wilco ohne deplazierte Pietät ans Werk; hier klingt kein einziger Ton so, als würde in Ehrfurcht erstarrt und mit vermeintlicher Guthrie-Anbetung musiziert. Diese Band-Mitglieder von Wilco sind aber auch viel zu gut, als dass sie es nötig hätten, auf Teufel-komm-raus originell sein zu müssen. Sie bleiben meist in bester Guthrie-Tradition, setzen ihn einfach auf ihre Weise fort, lassen Guthries Texte mal mit viel Melodie rumpeln ("Walt Whitman's Niece", "Christ For President") oder sie setzen funkensprühende Hillbillie- oder Rhythm'n'Blues-Elemente ein, und dann wieder untermalen sie's mit melancholischem Gitarrenrock, der in seinem spartanischen Arrangement nie ins Sentimentale abdriftet, sondern ohne Umwege zu Herzen geht (z.B. "California Stars", "Way over Yonder in the Minor Key", "One by One"). Den ergreifenden Schlusspunkt setzt "The Unwelcome Guest", eine der schönsten Balladen der letzten Jahre überhaupt mit angriffslustigem Guthrie-Text.
Dazu kommen stimmungsvolle Soli der drei Sänger, erkennbar in der Guthrie-Tradition und doch mit eigenem Akzent: Billy Bragg klingt erfrischend witzig bei "Ingrid Bergman", und bitter bei "Eisler on the Go". Nathalie Merchants "Birds and Ships" zeigt die Sängerin von ihrer Schokoladenseite, und Jeff Tweedy singt "Another Man's Done Gone" als widerborstig-sanfte Ballade.
Aber immer passt die Musik zu den Texten; da wird nirgends wahllos draufgeteufelt, sondern gedacht und den Texten nachgespürt.
Das klingt nach Abwechslung, und genau so ist's auch. Auf diesem Album gibt's keinen Durchhänger. Die Band-Mitglieder von Wilco lassen sich sowieso bei keinem einzigen Ton lumpen. Geradliniger, rauh verputzter Folkrock dominiert, und dazwischen zeigen sich die verschiedenen Sänger von ihrer besten Seite.