"Aus ferner Zukunft hallt ein Lied heran, dass Artur ein Schwert aus einem verzauberten Stein gezogen hatte......"
Mit "Merlin - Der Druide von Camelot" präsentiert Manfred Böckl einen Roman, der auf die "Historia Regum Britanniae" und die "Via Merlini" von Geoffrey of Monmouth zurückgreift. Diese mediävalen Werke, des zwischen 1129-1151 als Kleriker, Lehrer und Schriftsteller in Oxford tätige Walisers, stellen die ältesten Quellen dar. Gegenüber späteren, poetischen und christlichen Umdeutungen, in denen Merlin als heidnischer Zauberer und Arthur als hochmittelalterlicher Recke und König agieren, zeigt Böckl seinen Myrdinn als Druidenfürsten der Demetier und dessen Schüler Arddwr als britischen Rhiotam (Kriegskönig). Die Handlung des im frühmittelalterlichen, sogenannten "Dark Age", spielenden Romans lässt daher auch spätere, hinzu gedichtete und zahlreichen Filmen dargestellte Elemente, wie Ritterliche Tugenden und Minne vermissen. Ebenso fehlt jeglicher Bezug zu einem "Heiligen (christlichen) Gral", wie ihn Chrétien de Troyes in den 70er Jahren des 12 Jahrhunderts hergestellt hatte. Statt wie im gleichnamigen Film "Knights of the Round table" (1953) mit seinen anachronistisch anmutenden normannischen Rittern, gibt es einen "Bund des Roten Drachen" (=Symbol Cymrus, das noch heute in der walisischen Flagge präsent ist), dem neben Arddwr die zwölf britannischen Edlen Bedwyr, Calhir, Culhwch, Galwad, Gwalchmai, Gwenddolau, Llancyllodd, Melwas, Morvan, Owain, Pereddwr und Taliesin angehören. Dieser (12+1) "Totembund" bildet zusammen mit der Ehefrau Arddwrs, Gwynhwyfara, Myrddin und den neun Druidinnen der "Ynys Avallach", das 24köpfige Gremium des runden Tisches, der im Eichenhain von Camelot aufgestellt ist. Anders als z. B. in John Boormans Film "Excalibur" (1981) gibt es historisch folgerichtig auch keinen Herzog von Cornwall, denn diese Peerage sollte erst im Jahre 1337 (vom Parlament!) verliehen werden. In Böckls Roman ist es auch nicht erforderlich, dass Uddyr Pendraig den König von Cornueille töten muss, denn Myrddin kann den Dumonier und dessen Ehefrau Ygerna überzeugen, dass sie zur Rettung Britanniens mit dem König der Deceanglier die "Heilige Hochzeit" (=das archaische Ritual "Hieros Gamos") vollziehen muss. Das avisierte Ergebnis ist Arddwr, der bei Mutter und Stiefvater aufwachsen darf, bevor er von Myrddin ausgebildet wird. Der Retter Britanniens muss auch kein Schwert aus einem Felsen herausziehen....
Nach einem Vorwort des Autors findet sich der 70jährige Protagonist im Prolog auf der Insel Yns Ytrin ein, um dort seine letzte Reise nach Annwn anzutreten. Mit Hilfe der Pendruid von Ynys Avallach, Nimue, durchlebt Myrddin zuvor jedoch noch mal jeden seiner neun Lebensabschnitte, die in drei Büchern mit jeweils drei Kapitel untergegliedert sind. Am Ende offenbart Myrddin seine Visionen für die Ereignisse der kommenden Jahrhunderte. Aufbau und Inhalt des Romans werden stark durch Zahlenmystik, sowie farbliche (weiss-rot-schwarz) und gegenständliche (Spiralen, Schlangenlinien, Drachen) Symbolik beeinflusst, bei denen insbesondere die vorchristliche Trininäts-Spekulation und die zyklische Wiederkehr alles Seienden im Mittelpunkt stehen. Demgegenüber wird das Christentum als "Irrlehre" nicht nur in Frage gestellt, sondern vor allem die frommen Taten (Fällen der Eichenhaine etc.) der "Kreuzknechte" oder "Götzenanbeter", wie sie vielfach tituliert werden, regelrecht dämonisiert.
Nachdem bereits im Vorwort auf das Sachbuch "Merlin-Leben und Vermächtnis des Keltischen Menschheitslehrers" hingewiesen wird, finden im Prolog auch Baodicea (S. 55) und Theodora (S. 66), sowie als Fußnote die entsprechenden Romane des Autors, "Die Bischöfin von Rom" und "Die Letzte Königin der Kelten" Erwähnung. Besonders informativ ist, neben einer Karte der keltischen Stämme Britanniens, ein abschließendes 15seitiges Glossar, in dem u. a. die keltischen Bezeichnungen ihren späteren Umformungen gegenübergestellt werden. (Gwrtheyrn/Vortigern, Caladfulch/Excalibur etc.)
Gleichwohl der Autor seinen in den Jahren 450-520 spielenden Roman am Todesdatum "Vortigerns" (AD 463) "festmacht", wurde "Merlin - Der Druide von Camelot" nicht mit dem Prädikat "historisch" versehen, da bereits dessen Quellen keine Geschichtsschreibung, sondern literarisch bearbeitete Überlieferungen darstellten. Im Roman wird man einen Gwrlais vergeblich suchen, denn dieser heißt dort Gorlois. Der im letzten Buch auftretende König von Alt Clut (Strathclyde), Rhydderch Hael, muss als Anführer, der (Böckls "Romankelten") verhassten Christen herhalten, obwohl er erst mehr als ein halbes Jahrhundert später die historische Bühne betreten sollte. Daneben sind auch Leben und Taten der Anführer der Sassenach, Hengist, Horsa, Ællle u. a. nicht immer historisch stimmig dargestellt.
Fazit: Unterhaltsam, informativ und empfehlenswert für Leser, die sich einmal mit einer anderen Version des Themas auseinandersetzen möchten. 4 Amazonsterne.