Meret Becker, Ziehtocher von Otto Sander, Schwesterchen von Ben Becker, Schauspielerin und Sängerin, legt ihr zweites Album vor. Nachdem das erste, "Noctambule" teilweise aus Live-Aufnahmen bestand und sich in erster Linie den Stücken von Friedrich Holländer, Bert Brecht und den Gebrüdern Grimm widmete, folgt hier eine Kehrtwende - Meret Becker singt Meret Becker (wenn man mal von einigen "klassischen" Anleihen bei Lewis Carroll, Gottfried Keller und Erich Kästner absieht).
Was entstand, ist ein Album der finsteren Sorte. Düster, schwer und geheimnisvoll-unheimlich wie ein altes, verstaubtes Gemäuer. Düstere, mitunter wirre Texte auf Deutsch, Französisch und Jiddisch von Wahnsinnigen, alternden Lolitas, Kindesmißhandlung, seltsamen Traumgestalten, Alkoholikern und verlorenen Seelen, begleitet von teilweise schrägen, schwer verdaulichen Klängen von zerspringenden Gläsern, zischenden Ruten, Streichern, Bläsern, Schlagzeug, Orgel, singenden Sägen ... ein musikalisch-collagenhaftes Schaudergemälde, das dennoch fasziniert und seinesgleichen sucht.
Meret Becker, mit Sicherheit nicht eine der größten Sängerinnen aller Zeiten, schafft es, ihrer Stimme zu jedem Stück den passenden Ausdruck zu verleihen - klingt sie bei "Bobinke", einer Art jiddischem Lied, gelangweilt-mitreißend, erscheint sie einem in der "Ballade vom kleinen Meretlein" als kleines, verschrecktes Mädchen oder in "Das blanke Wesen" als neutrale-teilnahmslose Erzählerin. Begleitet wird sie dabei von Ehemann Alexander Hacke ("Einstürzende Neubauten"), Otto Sander (siehe oben), der Gruppe Ars Vitalis, mit der sie schon früher gearbeitet hat, Multi-Talent Moritz Wolpert und vielen anderen.
Fazit: ein Album, das bestimmt nicht leicht zu verdauen ist, aber das eine unglaubliche Langzeitwirkung entfalten kann. Und darüber hinaus ein Album, das man die ganze Nacht hören kann ... denn wenn man einmal damit angefangen hat, sich mit der Geisterwelt auseinanderzusetzen, kann man ohnehin nicht mehr schlafen.