Change X
Für große Aufregung sorgte eine ganz andere Art von Experimenten unter den Erforschern der Künstlichen Intelligenz: Versuche, die Evolution im Computer nachvollziehen. Die gigantische Rechenleistung machte es möglich. Am Computer konnten die Forscher eine Evolution im Zeitraffer schaffen: In der digitalen Simulation entwickelten sich die virtuellen Wesen innerhalb vorgegebener Rahmenbedingungen selbst weiter. Doch der Durchbruch blieb aus. Über einen gewissen Punkt schafften es die virtuellen Wesen nicht hinaus. Noch müssen Roboter mit vielen technischen Handicaps kämpfen. Die Bilderkennung zum Beispiel ist noch sehr unvollkommen. So sind Maschinen bisher nicht fähig, auf einen Blick belebt und unbelebt zu unterscheiden.
Die Forscher stecken in einer Sackgasse. "Sowohl Roboter als auch Simulationen von künstlichem Leben sind bereits weit gediehen. Aber sie haben sich noch nicht verselbständigt, wie man es von biologischen Systemen erwartet", schreibt Brooks. Vielleicht fehlt etwas Entscheidendes, spekuliert der Roboter-Profi. Vielleicht brauchen wir eine neue Physik oder eine bessere Beschreibung dessen, was in lebenden Systemen vor sich geht.
Brooks erzählt mit einem sympathischen trockenen Humor. Nie verfällt er in Ingenieurjargon. Die Konzepte, die sich Science-Fiction-Autoren und gewagte Kollegen erträumen, setzt Brooks dem nüchternen Blick des erfahrenen Wissenschaftlers aus. Ob es darum geht, Roboter zu schaffen, die sich selbst reproduzieren können, ob es darum geht, die Persönlichkeit eines Menschen aus seinem sterbenden Gehirn in einen Computer zu übertragen - oft kommt Brooks zu dem nahe liegenden Schluss, dass so etwas nur unter größten Schwierigkeiten zu bewerkstelligen sei.
Doch über die Frage der Machbarkeit geht er fast nie hinaus. Ethische Fragen blendet er aus. Im letzten Drittel des Buches verlässt der Autor die autobiographische Ebene. Er wagt sich zu Visionen vor. Diese Visionen sind von einer ungeheuren Technikgläubigkeit erfüllt, wie man sie eher aus den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts kennt. Euphorisch schwärmt er etwa von Telepräsenzrobotern. Von jedem Ort der Welt aus kann man diese mechanischen Helfer zum Arbeiten treiben.
Eine Synthese von Mensch und Maschine sieht Brooks in rosigem Licht. Mit Hilfe von Technik und Biotech könne jedermann seinen Körper optimal umbauen: "Mit solchen Implantaten im Körper werden wir unvergleichlich mächtiger sein. Wir werden in vieler Hinsicht Übermenschen sein. Und durch unsere gedankenvermittelten Verbindungen zum Cyberspace werden wir allein über unsere Gedanken unser Universum physisch kontrollieren." Da wagt Brooks gar eine Prognose: In drei Generationen ist es so weit. Mensch und Maschine werden immer mehr verschmelzen. Wir, die erste Generation, werden uns noch wehren. Wir werden heftig diskutieren. Die zweite Generation wird es ausprobieren. Und für unsere Enkel wird der Cyborg-Körper selbstverständlich sein.
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Pressestimmen
25.02.2002 / Frankfurter Allgemeine: Wir sind Wesen auf Abruf "Rodney Brooks präsentiert eine These, über die zu sprechen sein wird: Roboter werden den Menschen nicht verdrängen, vielmehr werde sich der Mensch robotisieren und der Roboter sich humanisieren."
16.03.2002 / Die Presse: Keine Lösung fürs Bügeln "Das Buch ist eine geschickte Mischung aus Hauptvorlesung und Leistungsschau, Biographie und Bekenntnisschrift."
20.03.2002 / Süddeutsche Zeitung: Der Klempner des Jüngsten Gerichts "Hütet Euch, Humanisten, vor Brooks und seinem Spielzeug."
21.03.2002 / Berliner Zeitung: Etwas mehr ultraviolett "So lange, wie man das Bier noch selber aus dem Kühlschrank holen muss, sollte man die Roboterforschung nicht mit ethischen Bedenken bremsen."
30.03.2002 / Neue Zürcher Zeitung: Wie du und ich? "Eine lebendig geschriebene Einführung in zentrale Ideen, Probleme und Konzepte von KI und Robotik."
01.04.2002 / Natur & Kosmos: Wenn Maschinen lebendig werden "Sehr anschaulich und plausibel philosophiert der Autor über die Grenze zwischen natürlichem und künstlichem Leben."
07.04.2002 / Der Tagesspiegel: Wir sind das Volk der Roboter "Nüchtern erzählt, lesenswert, ein schöner Bericht aus der Welt der Roboter."
12.04.2002 / changeX: Auf dem Weg zum Cyborg-Körper "Brooks hält mühelos seine Leser bei der Stange, denn er hat faszinierende Geschichten von seinen Robotern zu erzählen."
zum Artikel
12.05.2002 / Welt am Sonntag: "Bald sind wir selbst Super-Roboter" Interview mit Rodney Brooks
21.05.2002 / Frankfurter Rundschau: Menschmaschinen "Ein provokatives Buch, das man gelesen haben sollte."
01.06.2002 / business betseller: Mit den besten Grüßen, Ihr Roboter "Die Menschmaschinen muss man einfach empfehlen. Sie sind eine faszinierende Quelle, um von Forschungsprojekten zu erfahren, die selten so öffentlich und kompakt beschrieben werden."
04.07.2002 / Die Zeit: Putzroboter im Zehnerpack "Eine unterhaltsame und verständliche Reise durch die Abenteuer der Robotik."
01.08.2002 / Psychologie heute: Beseeltes Blech "Brooks versteht es, für Menschen und nicht für Roboter zu schreiben: eindringlich, plastisch, unterhaltsam, intelligent und originell."
08.08.2002 / literaturtest.de: Brillant und erschreckend zugleich "Meisterhaft erzählt Rodney Brooks die Geschichte seiner Roboter."
16.11.2002 / Frankfurter Rundschau: Dann werden wir halt Maschinen "Rodney Brooks ist einer der kreativsten Roboteringenieure und zugleich ein absolut realistischer Zeitgenosse."
07.02.2003 / Freitag: Lebendige Menschen "L'homme machine titelte bereits Lamettrie im 18. Jahrhundert, und Brooks' Übersetzer wird bei der hervorragenden Übertragung seines Buches ins Deutsche - der Titel des Originals lautet Flesh and Machines - den Anklang an den Klassiker des französischen Materialismus bewusst gesucht haben."
Der Verlag über das Buch
In David Cronenbergs Film Existenz aus dem Jahre 1998 entwickelt eine Computerspiel-Designerin ein Spiel, das direkt in das menschliche Nervensystem geladen wird. Mit Hilfe eines sogenannten "Bioports" wird das Spiel ins menschliche Rückenmark eingestöpselt - Mensch und Technologie verschmelzen. Das, was den Kinozuschauern höchst befremdlich erschien und ihnen Schauder über die Rücken jagte, beginnt aber bereits, Realität zu werden: Die direkte neuronale Verbindung zwischen Mensch und Maschine.
Rodney Brooks zeigt in seinem Buch, dass die technologische Manipulation des menschlichen Körpers längst begonnen hat. Vor allem die medizinischen und biotechnologischen Entwicklungen muten an wie aus einem Science-Fiction-Roman: künstliche Gehörschnecken, deren Elektronik eine direkte Verbindung zum Nervensystem hat, Netzhaut-Chips für Blinde, Arm- und Beinprothesen, die womöglich bald vom Gehirn gesteuert werden können - all das sind Beispiele für die technologische Erweiterung des Menschen.
In Brooks' berühmten Institut am MIT werden Roboter entwickelt, die laufen, mit Menschen kommunizieren und sogar Gefühle zeigen. Die Gentherapie manipuliert den menschlichen Körper auf zellulärer Ebene. Und irgendwann werden vielleicht Schulkinder ihre Hausaufgaben mit implantiertem Internetzugang machen.
Angesichts dieser Trends, so Brooks' Vision, wird es in naher Zukunft zu einer Verschmelzung von menschlichem Körper und Maschine kommen. Die Menschen werden das Beste haben, was Maschinen bieten können, aber gleichzeitig verfügen sie über ihr biologisches Erbe, um den jeweiligen Stand der Maschinentechnologie zu steigern. Daher werden die Roboter-Menschen den reinen Robotern immer einen Schritt voraus sein.
Menschmaschinen ist eine spannende Tour de Force durch die Welt von morgen und die Zukunft der Menschheit - eine Zukunft, die bereits begonnen hat und mit der wir schon jetzt täglich konfrontiert sind. Denn Internet und elektronische Hörgeräte sind erst der Anfang.
Über den Autor
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Auszug aus Menschmaschinen. Wie uns die Zukunftstechnologien neu erschaffen. von Rodney Brooks. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Was die Menschen von den Tieren unterscheidet, sind Sprachvermögen und Technologie.
Viele Tierarten verfügen über ein großes Repertoire allein an Warnrufen. Bei den südafrikanischen Meerkatzen bedeutet ein Schrei, dass ein Raubvogel in der Luft ist, ein anderer, dass eine Schlange am Boden kriecht. Alle Mitglieder der Art erkennen die Verbindung zwischen bestimmten Lauten und solchen primitiven Bedeutungen. Aber keine Meerkatze kann jemals zu einer anderen sagen: »Hey, erinnerst du dich an die Schlange, die wir vor drei Tagen gesehen haben? Da unten ist eine, die ganz genauso aussieht.« Das erfordert Sprachvermögen, und Meerkatzen besitzen kein Sprachvermögen.
Einige Schimpansen und Gorillas haben in Experimenten viele Duzend Substantive, ein paar Adjektive und einige Verben in Form von Zeichen oder Symbolen gelernt. Sie haben diese Symbole manchmal in neuer Weise zusammengesetzt, wie zum Beispiel »Wasser-Vogel«, um sich auf eine Ente zu beziehen. Aber sie konnten nie etwas Anspruchsvolles sagen wie: »Bitte gib mir die gelbe Frucht, die in der Tasche ist«. Das erfordert Sprachvermögen, und Schimpansen und Gorillas besitzen kein Sprachvermögen.
Irene Pepperberg hat mehr als 20 Jahre lang einen mittlerweile berühmten Graupapageien namens Alex aufgezogen und trainiert, zuerst an der Universität von Arizona und in jüngerer Zeit am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ihre Ergebnisse sind verblüffend und haben Skeptiker weit vorsichtiger gemacht, welche Sprachfähigkeiten sie Tieren, selbst solchen mit Spatzenhirnen, absprechen. Alex kann Wörter hören und sprechen. Er kann Fragen beantworten wie: »Wie viele runde, grüne Dinge sind auf dem Tablett?«, selbst wenn er die beiden Adjektive »rund« und »grün« zum ersten Mal zusammen hört. Als seine Trainerin zum Mittagessen ging, sagte Alex einmal: »Ich gehe nur zum Mittagessen und bin in zehn Minuten zurück«. Aber Alex plapperte hier nur nach eben wie ein Papagei , was er zuvor unter solchen Umständen von seiner Lehrerin gehört hatte. Er sagte nie: »Ich sehe, dass du zum Mittagessen gehst. Ich schätze, dass du in zehn Minuten zurück bist.« Das erfordert Sprachvermögen, und Alex besitzt kein Sprachvermögen.
Biber fällen Bäume, um Dämme zu bauen und Bäche zu stauen. So schaffen sie Teiche, in denen die Gräsern wachsen, von denen sie sich vorzugsweise ernähren. Vögel bauen Nester aus Zweigen, Grashalmen und anderem Material, zum Beispiel Wollfäden. Aber keine dieser Fertigkeiten ist eine Technik oder gar Technologie im wahren, menschlichen Sinne des Wortes. Es sind genetische Programme, die nur in stereotypen Situationen abrufbar sind. Die Tieren können sie nicht generalisieren und neuen Umständen anpassen.
Schimpansen allerdings benutzen in unterschiedlichen sozialen Gruppen verschiedene Werkzeuge. Die Schimpansen im Gombe-Reservat in Tansania suchen sich lange Zweige, entblättern sie, stochern damit in Ameisennestern und ziehen die essbaren Ameisen heraus. Die Schimpansen im Tai-Wald an der Elfenbeinküste wissen nicht, wie man das macht, aber anders als ihre Artgenossen in Tansania benutzen sie Baumstümpfe und Steine als Ambosse und verwenden dann einen hölzernen oder steinernen Hammer, um Nüsse zu knacken. Die Schimpansen lernen also in ihrer jeweiligen sozialen Gruppe, diese Werkzeuge einzusetzen, aber es kommt nur selten zur Erfindung neuer Anwendungsmöglichkeiten von Werkzeug. Dieselben Gruppen wurden mittlerweile über Jahrzehnte hinweg beobachtet, ohne dass in dieser Hinsicht Innovationen festgestellt werden konnten. Und natürlich gibt es auch keine altertümlichen Schimpansenwerkzeuge, die von Archäologen ausgegraben wurden. Schimpansen und andere Tiere verfügen über nichts, was auch nur entfernt an menschliche Technik oder Technologie erinnert.
Die einzigen erhaltenen nicht-menschlichen Werkzeuge stammen von den Neandertalern. Die Neandertaler waren ihrer Gestalt nach den Menschen sehr ähnlich und es wird heute debattiert, ob sich Menschen und Neandertaler möglicherweise gekreuzt haben. Es ist nicht bekannt, ob die Neandertaler Sprachvermögen besaßen und ob sie die anatomischen Voraussetzungen zur Atemkontrolle mitbrachten, die für das Sprechen notwendig ist. Vielleicht verfügten sie bereits über eine Syntax in ihrer Zeichensprache, wie man sie in der Gehörlosensprache findet. Mit Sicherheit besaßen sie Techniken, um komplexe Handwerkzeuge, Waffen und Schmuck anzufertigen, das Feuer zu beherrschen und kunstvolle Begräbnisstätten anzulegen. Den Menschen ist es aber gelungen, die gesamte Art vollständig zu verdrängen.
Bleiben nur noch wir Menschen. Wir allein sind es auf der Erde, die Sprachvermögen besitzen, und nur wir verfügen über Technik und Technologie. Bis jetzt.
Was ist mit den Maschinen? Die meisten Menschen unterscheiden heute klar zwischen den Robotern aus der Science Fiction-Welt und den Maschinen in ihrem täglichen Leben. In Filmen wie Krieg der Sterne, Raumschiff Enterprise und 2001: Odyssee im Weltraum sehen wir intelligente Maschinen, die Namen tragen wie 3CPO, R2D2, Commander Data und HAL. Aber unsere Rasenmäher, Autos oder Textverarbeitungssysteme können ihnen nicht entfernt das Wasser reichen. Die Science-Fiction-Konstrukte und die Maschinen, mit denen wir leben gehören zwei völlig verschiedenen Welten an. Die Fantasiemaschinen verfügen über Sprachvermögen und Technologie, äußern Gefühle, Wünsche und Ängste, sie lieben und sind stolz. Für unsere realen Maschinen gilt das nicht. Oder zumindest sieht das zum Anbruch des neuen Jahrtausends so aus. Aber wie wird es in hundert Jahren sein? Meine These ist, dass in nur 20 Jahren die Grenze zwischen Fantasie und Realität fallen wird. In nur 5 Jahren wird sie bereits in einer Weise überschritten sein, wie es sich die Menschen heute so wenig vorstellen können wie noch vor 10 Jahren die tägliche Benutzung des World Wide Web.
Im Verlauf der gesamten, durch Aufzeichnungen und archäologische Funde dokumentierten Menschheitsgeschichte wurde das menschliche Leben in dramatischer Weise von technischen Revolutionen verändert. Solche Revolutionen ereigneten sich in der jüngeren Geschichte immer öfter. An den Beginn der jüngsten von ihnen, der digitalen Revolution, können sich die meisten von uns noch erinnern. Heute sind die Umstrukturierung unserer Welt, die diese Revolution ausgelöst hat, und die damit verbundenen Konflikte in vollem Gang. Sie führen zu einer Umverteilung von Reichtum und Macht und geben unseren Städten und unseren Lebensstilen ein neues Gesicht .
Es scheint, als brauchten wir nur erfreut zu verfolgen, wie diese Revolution ihren atemberaubenden Lauf. Aber so einfach ist das leider nicht. Tatsächlich kommt nicht nur eine weitere neue Technologierevolution wie ein gewaltiger Sturm auf uns zu, der unser Leben durcheinanderwirbeln wird, sondern es sind gleich zwei.
Diese beiden neuen Revolutionen werden uns fast gleichzeitig treffen.