In dem vorliegenden Buch > Menschenwürdig sterben < kommt u.a. der Kinderarzt Dietrich Niethammer zu Wort. Er definiert seine Rolle als Arzt mit den Worten:
> manchmal heilen, häufig lindern, immer trösten! <
Man könnte diese Hinweise als Quintessenz über das gesamte Buch mit Beiträgen von Theoretikern und Betroffenen stellen. Doch sind die Tugenden, die hier gefragt sind, die schwersten in Ausübung tatkräftiger Hilfe, die Helfende oft zu Hilflosen macht, wenn es darum geht, Sterbende und Leidende bis in den Tod zu begleiten.
Aktuell ist die Demenzerkrankung von Walter Jens, dem bekannten Tübinger Professor für Rhetorik, Anlass für eine Neuveröffentlichung des Buches von 1995, in dem sich die Autoren Walter Jens und Hans Küng des brisanten Themas >Sterben in Würde< annehmen. Beide Autoren haben sich in ihren damaligen Ausführungen für die Selbstverantwortung ausgesprochen, wenn Betroffene einen vorzeitigen Tod herbeiwünschen und ihn auch vollziehen möchten.
Inzwischen haben die Aussagen von damals durch die Erkrankung von Walter Jens tragische Aktualität bekommen.
In einem Anhang berichtet Frau Inge Jens über die sehr persönlichen Abmachungen, die sie mit ihrem Mann für den Fall unheilbarer Krankheit oder Demenz getroffen hatte.
Nun, mit ihren so unerwarteten und unvorstellbaren Erfahrungen, gesteht sie ihre Hilflosigkeit und Ratlosigkeit, die alle getroffenen Abmachungen infrage stellen.
Das Dilemma unseres Verhaltens im Angesicht von Sterben und Tod ist tief und für die meisten von uns nur schwer zu erfassen. Wo fängt die Verletzung der Würde an, und wo wird die Selbstbestimmung von der Fremdbestimmung überlagert?
Von den Autoren wird die Angst vor der Apparatemedizin angesprochen, die Angst vor der Verlassenheit beim Sterben, die Hilflosigkeit der Begleitpersonen und die Angst vor dem eigenen Tod. Zugleich werden die rechtlichen Seiten beleuchtet, mit deren Hilfe Grenzüberschreitungen verhindert werden sollen.
In diesem Buch werden fast alle einschlägigen Fragen aus juristischer, theologischer und medizinischer Sicht aufgeworfen, ohne dass es wirklich schlüssige Antworten gäbe.
Das Thema geht uns alle an. Hier werden Denkanstöße geboten, sich wieder und wieder mit dem Tod und Sterben von Angehörigen, Freunden, im schlimmsten Fall von Kindern und dem eigenen Tod zu befassen.
Es bleibt allerdings fraglich, wie Gesetze aussehen sollten, in die alle Beweggründe für Einzelentscheidungen einfließen könnten.
Die Ausführungen der Autoren zeigen uns, dass es keine Aufgabe der Fraktionen von Recht, Medizin und Theologie alleine sein kann, wie der Tod erlebt und erlitten wird, sondern dass die Gesellschaft als Ganzes gefragt ist. Dazu gehört eine offene Diskussion auf allen Ebenen von gesellschaftlicher Relevanz, in der insbesondere der je individuellen Möglichkeit von Sterben und Tod Rechnung getragen wird. Niemand sollte sich anmaßen, über den anderen und dessen Vorstellungen für das eigene Sterben zu bestimmen: es kann nur die individuelle Hilfe im Einzelfall geben, und die sollte sich bestenfalls an den Maßstäben der Barmherzigkeit orientieren.