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In Menschensöhne ermittelt der isländische Kommissar Erlendur Sveinsson in seinem ersten Fall, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Wie beide Todesfälle zusammenhängen und wie es zu erklären ist, dass fast alle Schüler einer früheren Klasse Svavarssons unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen sind, darauf stößt der Polizist erst durch die Hilfe von Pálmi, dem Bruder von Daníel. Doch Pálmi sucht gleichzeitig auf eigene Faust nach den Hintergründen und Hintermännern der mysteriösen Geschichte und begibt sich damit in große Gefahr ...
Eines steht nach dem insgesamt fünften von Arnaldur Indridason auf Deutsch erschienenen Kriminalromanen fest: Das ist Pflichtlektüre für alle Island-Reisende! Erzählerisch eindrucksvoll dringt der Autor tief in die Zerrissenheit des kleinen isländischen Inselvolks ein. Indridasons Geschichten beschreiben zerstörte Existenzen und ihre Verzweiflungstaten. Und fast immer erzählt er gleichzeitig Familiengeschichten, die meist tragisch enden oder die eine dunkle Vergangenheit verborgen halten. Selbst sein Kommissar Sveinsson leidet unter seiner Beziehungslosigkeit und einer gescheiterten Ehe, von der ihm nur eine drogensüchtige und rebellische Tochter geblieben ist.
Arnaldur Indridason stößt wie einst Georges Simenon in seinen Krimis zu einem existenziellen Kern vor. Gute Kriminalromane zeichnen sich vor allem dadurch aus, wie sie Menschen in Grenzsituationen darstellen. Nun erscheinen Indridassons Darstellungen des Lebens auf Island schon selbst als Grenzsituation. Doch Menschensöhne ist überdies eine Geschichte von der Arroganz und Skrupellosigkeit der Mächtigen, die schonungslos dargestellt und in ihrer Unmenschlichkeit entlarvt wird. Indridason zaubert vor diesem Hintergrund zwar letzten Endes eine teilweise unglaubwürdige Geschichte aus dem Hut, dennoch schaudert einem vor dem Zynismus und der Unbelehrbarkeit der Herrschenden, die er mit seiner Parabel entlarvt. -- Christian Koch -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
An sich finde ich Arnaldur (Indridason - in Island verwendet man nur die Vornamen) als einen der besten Krimiautoren. Hier in seinem Erstling sieht man auch zeitweise seinen Genius aufblitzen, dennoch liegen noch Klassen zwischen dem was man bisher von Arnaldur zu lesen bekam und was er in diesem Werk ablieferte. Nein, das Buch ist absolut nicht schlecht, sondern entspricht durchaus einem Mittelklasse-Krimi, sogar einem der gehobenen Mittelklasse. Dennoch aber vergleicht man automatisch mit den späteren Werken des großartigen Isländers und hier ist noch einiges Potential zu erkennen.
Sprachlich erreicht der Autor bereits beinahe jene Klasse die man von ihm gewohnt ist, dennoch aber fehlt ihm gerade im stilistischen Bereich so einiges. Das Buch liest sich nicht so locker und leicht, wie z.B. 'Engelsstimme'. Aber es ist dennoch absolut in Ordnung. Eine wirkliche Schwäche spürt man dafür bei der Charakterisierung der Hauptfiguren, die allesamt eher flach bleiben. Dennoch beweist Arnaldur bereits in diesem Frühwerk, dass er ein genauer Beobachter der menschlichen Seele und ihrer Verschlingungen ist. Sehr gut gibt er in einem Monolog von Palmi wider, wie zwiespältig seine Seele ist und erst recht, wie schnell sich Schuldgefühle aufbauen können, die in der Realität keine Entsprechung finden.
Insgesamt haben wir es also mit einem sehr guten Erstlingswerk zu tun, das aber dennoch weit von dem entfernt ist, was wir von diesem großartigen Autor gewohnt sind. Gerade allen Fans von Arnaldur kann man nur zu diesem Buch raten, auch wenn sie von ihm Besseres gewohnt sind - aber die Erlendurreihe will man natürlich vollständig gelesen haben.
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