Ich habe dieses Buch in 2 Tagen durchgelesen und das nur, weil ich irgendwann auch mal schlafen musste. Es liest sich wie ein Krimi, wie ein spannender Roman, wie eine Komödie. Und trotzdem hat man das alles "irgendwie schon geahnt".
Der Autor hat nieder geschrieben, was ich schon längst denke und vielleicht viele andere Eltern auch. Nur leider sind wir noch eine Minderheit und Zweifel nagen ständig an uns, ob man nicht doch besser mit dem Strom der in hunderten Ratgebern verkauften modernen und "richtigen", aber leider sich widersprechenden Erziehungsmethoden hätte mit schwimmen sollen. Denn man macht sich Sorgen und Gedanken um die Entwicklung seiner Kinder. In keinem Bereich ist man so ehrgeizig, so gewissenhaft darauf erpicht, das "Richtige" zu tun, als in der Erziehung. Vor lauter Ehrgeiz übersehen wir dabei, wie unsere Kinder sich tatsächlich entwickeln. Fördern, fördern, fördern - sind unsere Kinder wirlich nur ein "Projekt"? Dazu da, die Wirtschaft anzutreiben? Ist der Kindergarten tatsächlich dazu da, sich für den "Job warmzulaufen?" Warum suchen wir nur nach Fehlern, die die Natur gemacht hat und damit wir sie ausbügeln können? Stimmt das denn? Wissen wir es wirklich besser als die uralte Evolutionsgeschichte des Menschen?
Dieses Buch gibt mir nun endlich Recht! Angstfreies Lernen, soziale Entwicklung zulassen und dadurch Therapien und fragliche Fördermaßnahmen vermeiden. Mehr aus dem Bauch heraus entscheiden, seinen Gefühlen folgen. Auch mal "fünfe grade sein lassen", denn das "Entwicklungsprogramm aus der Steinzeit" kann durchaus Fehler kompensieren. KInder lernen aus diesen Fehlern. Den Kindern ihre nötigen Freiheiten lassen, sie verstehen lernen statt aus ihnen etwas zu machen, was sie nicht sind, sondern nur, was wir wollen was sie werden. Talente erkennen und fördern, auf Kinder eingehen, Bildungsziele endlich mal in Frage stellen...
Woher kommen all diese Verhaltensstörungen unserer Kinder? Waren es zu wenig Grenzen? Die falschen Grenzen? Umgekehrt wird ein Schuh draus - es sind zu viele! Wo sind die Kinderbanden von früher, wo die Entdecker, wo bleibt die Kreativität, die Freiheit, die Innovation?
Das Kind hat ein Recht darauf sich frei zu entfalten - leider wird ihnen in unserer Gesellschaft immer mehr immer früher Leistung abverlangt, da bleibt die persönliche Entwicklung auf der Strecke. Und was versäumt wurde, holen wir eben mit Ergotherapie, Logopädie, anderen Verhaltenstherapien und Besuchen beim Kinderpsychologen künstlich wieder auf. Im Notfall tuts auch eine Pille. Wo sind wir gelandet, dass wir unsere Kinder mit Drogen füttern, statt ihnen einfach mal zuzuhören und ihnen die Zeit zu geben, die sie brauchen?
Ich habe es schon immer geahnt, nun ist es Gewissheit: Die richtige Balance ist das Zauberwort. Es darf / muss auch Verbote geben, aber es muss auch die nötige Freiheit gegeben sein. Entwicklungsspielraum. Kinder selber entdecken lassen und sie nicht nur mit geistigen "Fertigprodukten" füttern. Ja, es müssen Grenzen gesetzt werden, aber nur da, wo sie Sinn machen. Und nicht nur das Leben der Eltern einfacher und bequemer.
In einer Welt voller neuer Medien mit immer weniger "Spielraum" in der Natur, weniger Gelegenheiten spontane (altersgemischte!) Spielgemeinschaften zu finden, ist es durchaus auch normal vor dem PC zu sitzen. Ein Kind aber, dass den PC nach 4 Stunden selber ausschaltet (weil die Eltern etwa Pro und Contra erklären und nur bedingt Grenzen setzen und auf das Einsehen des Kindes vertrauen) hat mehr begriffen als das Kind, dessen Eltern konsequent das PC Spiel verbieten, limitieren, Erlauben als Belohnung und Verbieten als Bestrafung einsetzen und das Gerät einfach abschalten wenn es doch grad spannend ist. Was macht dieses Kind später, viel später, wenn die "Kommandozentrale" - die alles maßregelnden Eltern - nicht mehr da ist? Wenn das Kind erwachsen ist und selbst bestimmt, wie lange es vor dem PC sitzt?
Dieses Buch hinterfragt, gibt längst notwendige Denkanstöße. Es gibt sogar durchaus Ansätze zur Umsetztung einer solchen Pädagogik. Auch in unseren Schulen. Kleine Alternativschulen machten es vor und jetzt erst rückt die Politik auf. Früher wurden diese Alternativschulen belächelt, heute werden sie z. T. gestürmt. Zweifel werden noch eine Weile bleiben, aber dieses Buch macht Mut, es weiter voranzutreiben.