Vorwort
Die Sprachheilpädagogik ist in ihrer kurzen Geschichte sich wandelnden gesellschaftlichen, politischen und wissenschaftlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen. Seit ihren Anfängen wurde sie zudem aufgrund der Anforderungen des Aufgabengebietes und vor dem Hintergrund der besonderen Situation fachlicher und standespolitischer Auseinandersetzungen in Deutschland mit divergierenden Menschenbildern aus der Medizin und Pädagogik konfrontiert. Daraus ergeben sich Fragen der Standortbestimmung, aber auch der konkreten praktischen Arbeit.
In diesem Kontext bewegt sich die vorliegende Veröffentlichung. Die dezidierte Aufarbeitung pädagogischer und medizinischer Sichtweisen sowie der ideologischen Kontroversen in der Heilpädagogik erhält dabei aufgrund der besonderen Lebenssituation des Verfassers als Rollstuhlfahrer eine spezielle Bedeutung. Es ist etwas anderes, ob man über ein Themengebiet zu theoretisieren vermag oder unmittelbar von den Auswirkungen selbst betroffen ist. So sind auch die Folgerungen des Autors im Hinblick auf eine systemische Sichtweise als heuristische Perspektive in der Sprachheilpädagogik keine akademische Konsequenz, sondern Ausdruck persönlichen Erlebens.
Konkretisiert werden diese Gedankengänge am Beispiel des Störungsbildes Aphasie. Neben der Darstellung unterschiedlicher Therapieansätze erfolgt dabei eine Verdeutlichung des im ersten Teil der Arbeit angesprochenen Zusammenhanges sprachbezogener und psychosozialer Bewältigung. Der Autor verweist dabei mit Recht auf das Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit sowie immanente ethische Probleme.
Die dabei geäußerten Überlegungen gehen ein in seine eigene pädagogisch-therapeutische Konzeption der Aphasietherapie. Dabei werden kommunikative und psychosoziale Zielsetzungen einbezogen und in einem 3-Phasen-Modell erläutert. Die abschließende Falldarstellung nimmt die bisher erarbeitete Meinungsbildung auf und ordnet sie in ein praktisches Bezugssystem ein. Die Ausführungen gehen über einen rein deskriptiven Rahmen weit hinaus, wobei Fragen der Sprachtherapie im engeren Sinne sowie der Bewältigung psychosozialer Probleme als aufeinander abgestimmte Aufgabenstellung herausgestellt werden. Der Verfasser resümiert seine langjährige Arbeit mit der vorgestellten Aphasikerin mit dem Satz: "Ziel der vorliegenden Falldarstellung war es, nicht nur eine Reflexion über die Aphasiebehandlung, sondern vor allem eine Anschauung von ihr und eine Begegnung mit ihr zu vermitteln" (S. 274).
Damit wird die Einordnung dieses Buches deutlich. Neben einer scharfsinnigen analytischen Darstellung gewinnt die Arbeit durch die eindrucksvolle Verschmelzung persönlicher Betroffenheit und der Behinderung der Ratsuchenden an Aussagekraft und Intensität.