Es gibt nicht viele Autoren, die sich die künstlerische Anatomie bei Mensch und Tier zur Lebensaufgabe gemacht haben. Der 2007 verstorbene Professor für künstlerische Anatomie Gottfried Bammes war an der Hochschule für Bildende Künste Dresden tätig und verfasste mehrere Standardwerke zum Thema. Der Band "Menschen Zeichnen", der 2010 im Englisch-Verlag neu aufgelegt wurde, ist vielleicht so etwas wie eine Quintessenz seines Schaffens zur menschlichen Anatomie auf insgesamt 312 Seiten. Anhand vielfältiger Beispiele, Schaubilder, Lehrtafeln, Detailzeichnungen und Gesamtansichten wird auf jeden Aspekt der Anatomie eingegangen. Der Begleittext ist recht knapp gehalten, aber die vielen Zeichnungen sprechen eigentlich auch für sich und sind instruktiv genug. Das Buch setzt gute Zeichentechniken voraus, denn Grundformen, Perspektive, Licht und Schattensetzung oder andere Zeichentechniken sind nicht Thema des Buches, sondern allein die künstlerische Anatomie des Menschen.
Besonders ausführlich geht Bammes zu Beginn auf die Proportionen der menschlichen Figur ein (etwa 60 Seiten) und wer diese Tafeln ausgiebig studiert und die verwendeten Techniken nachempfindet, wird sicher profitieren. Das folgende Kapitel (etwa 30 Seiten) zeigt Menschen in "Ruhehaltung und Bewegung", sitzende, stehende, laufende und Sport treibende Menschendarstellungen, vereinfachend in Rötel, schwarzer Kreide oder Tusche dargestellt. Die folgenden Kapitel gehen danach mehr und mehr ins Detail: Bein und Fuß werden ausführlich samt Knochen und Muskelstrukturen behandelt (30 Seiten), ebenso Rumpf und Schultergürtel (etwa 30 Seiten), Arm und Hand (34 Seiten) sowie Kopf und Hals (etwa 50 Seiten). Neben den didaktischen Tafeln sind immer wieder künstlerische Arbeiten eingestreut, vom Autor selbst, teilweise aber auch von berühmten Künstlern (Michelangelo, Kollwitz, Raffael u. a.), was die Lektüre sehr interessant macht.
Nach den Detailstudien geht der Autor im letzten Kapitel wieder zum Aufbau der Gestalt als Ganzes über. Auf den letzten 60 Seiten zeigt er den Menschen als Ganzes in den verschiedensten Haltungen, stehend, liegend oder sitzend, mal als einfache Skizze in Bleistift, Rötel oder Kohle, mal stärker durchgezeichnet mit mehr Details. Die Stärke des Buches liegt meiner Meinung nach in dem Zusammenspiel von Studien zur Proportion mit solchen zu den Details des Körpers. Die eher konstruktiven Zeichnungen helfen, sich in die unregelmäßigen, dreidimensionalen Formen des Körpers besser hineinzudenken. Für fortgeschrittene (Hobby-) Künstler oder Kunststudenten sehr empfehlenswert. 5 Sterne