Wer von Menschen nicht nur Schnappschüsse machen möchte, wird schnell den Bedarf sehen, sich weiterzubilden: ein menschliches Gesicht ist nicht gerade leicht auszuleuchten. Es gibt hier sowohl im Studio als auch im Freien einiges zu beachten. Dann steht man immer vor der Frage, wie stark man in die Pose eingreifen soll und wie man menschlich mit der Situation umgeht, dass jemand fotografiert wird und dabei noch "natürlich" aussieht. Davon abgesehen gibt es einige rechtliche Aspekte, die hier zu beachten sind. z.B. die ganz konkrete Frage, wie man einen Model-Release Vertrag aufsetzt. Welche Menschen passen zu welchen Hintergründen, welche Objektive verwendet man für welchen Portrait-Stil etc....
Der Autorin dieses Buches ist es gelungen, ein Buch über Portrait-Fotografie zu schreiben, in dem sie keine einzige dieser Fragen befriedigend beantwortet - und das auf über 250 Seiten. Zu den rechtlichen Fragen wird man auf Seiten im Internet verwiesen (u.a. Wikipedia) und erfährt, dass man Menschen nicht ohne deren Einwilligung fotografieren oder Fotos anderer Fotografen nicht ungefragt veröffentlichen darf. Den Rest kann man sich wie gesagt von Wikipedia holen. Über Beleuchtung erfährt man, dass Licht von allen möglichen Seiten kommen kann und dann jeweils eine andere Bildwirkung hervorruft.
Gerade der Aspekt, den man vielleicht am ehesten erwartet, nämlich die menschliche Seite der Portraitfotografie (immerhin heißt das Buch "Menschen sehen") etwas zu verstehen, kommt fast überhaupt nicht vor. Hier ist übrigens das Buch von Bryan Peterson zu empfehlen. Er gibt ganz praktische Tipps, wie man Leute anspricht, die man für sein Portfolio fotografieren möchte, wie man an unterschriebene Model-Release Verträge kommt usw...
Die Kapitel enthalten typischerweise viele schlechte Bilder und wenige, dafür aber banale, Texte. Auf der Seite 18f schreibt sie beispielsweise zum Portrait: "Portraits sind Gesichts- oder Kopfbilder in fotografischer Darstellung einer Persönlichkeit. Die porträtierte Person sollte darin ihr typisches Wesen zum Ausdruck bringen, was dem Fotografen eine sensible Vorgehensweise und Wahrnehmung der Person abverlangt."
Davon abgesehen, dass dies ein extrem verengter Portrait-Begriff ist, ist es ziemlich trivial. Der Rest der Seite enthält nichts als Bilder, die entweder vom Blitz ausgewaschene Gesichter zeigen, ungünstige Schatten, langweilige Hintergründe (Gesicht vor grüner Wiese kommt gleich mehrfach vor) enthalten oder einfach nichtssagend sind. Dabei wäre es ja noch interessant zu erfahren, was sie unter einem "sensiblen Vorgehen" versteht. Aber leider endet der Abschnitt hier. Übrigens gilt das Gleiche auch für die eingescannte Seite bei Amazon. Da geht es um den Abschnitt "Seelenspiegel", der für mich zwar etwas vollmundig aber interessant klang. Die dort angerissenen Gedanken werden ebenfalls nicht weiter ausgeführt! Der Leser wird mit dem Hinweis entlassen, dass ein Portrait ehrlich und authentisch sein muss. Es folgen wieder unzählige schlechte Bilder und dann geht es zum nächsten Abschnitt.
Der Großteil der Informationen bewegt sich auf absolutem Anfängerniveau und dürfte jedem vertraut sein, der ein allgemeines Lehrbuch der Fotografie besitzt (mit Anfängerniveau meine ich solche Weisheiten wie, dass ein Tele-Objektiv die Menschen "nah heranholt").
Diese Rezension schreibe ich, obwohl ich noch mit dem Gedanken spiele, das Buch wieder zu verkaufen. Das Einzige, was mich davon abhält, sind die schlechten Preise, die man z.Zt. dafür bekommt.
Ich bedaure es sehr, dass es zum Kaufzeitpunkt noch keine schlechte Rezension dazu gab.