Ziemlich am Ende seines Buches zitiert der Autor Untersuchungen, die verdeutlichen, dass es - wie er schreibt - selbst den wenigen dafür talentierten Menschen nur unzureichend gelingt, aus der Interpretation der Körpersprache einer Person zu erkennen, ob diese die Wahrheit sagt oder lügt. Nur in sechs von zehn Fällen liegen professionelle Wahrheitssucher dabei richtig. Bei dieser Trefferquote könnte man auch fast geneigt sein, lieber gleich eine Münze zu werfen. Damit wir das nicht tun müssen, hat Joe Navarro dieses Buch geschrieben.
Es ist eine inzwischen unbestrittene Tatsache, dass der limbische Teil unseres Gehirns, der uns vor Gefahren schützen und entsprechende körperliche Reaktionen vorbereiten soll, in solchen Stresssituationen für ein geübtes Auge erkennbare Spuren im unbewussten körperlichen Verhalten eines Menschen hinterlässt. Da diese Körperreaktionen nicht bewusst steuerbar sind, können sie eigentlich nicht vermieden werden. Sollte jemand das dennoch versuchen, geschieht dies meistens so unnatürlich, dass es erst recht auffällt.
Doch selbst wenn man die menschliche Körpersprache wirklich lesen kann, wird man noch lange nicht zum Gedankenleser. Man kann lediglich erkennen, wie sich ein anderer Mensch bei dem, was er sagt oder tut, fühlt. Die Gründe für ein eventuelles Unbehagen bleiben dennoch weiter im Dunkeln und müssen mit anderen Mitteln erhellt werden. Darauf weist der Autor bereits deutlich im einleitenden ersten Kapitel hin. Das zweite Kapitel beschäftigt sich mit der Funktionsweise des limbischen Teils unseres Gehirns.
Anschließend erklärt Navarro in fünf Kapiteln die typischen unbewussten körpersprachlichen Signale von Stress und Unbehagen. Er beginnt bei den Füßen und Beinen, die er für die ehrlichsten unserer Körperteile hält, weil wir auf sie am wenigsten achten. Dann folgen Rumpf und Schultern, Arme, Hände und Finger und natürlich unsere Mimik. In den beiden letzten Kapiteln werden wir dann noch einmal darauf hingewiesen, dass wir nicht voreilige Schlüsse ziehen sollten, wenn wir nun in Zukunft bei anderen die beschriebenen Reaktionen beobachten.
Dieses Buch geht weit über das hinaus, was in gewöhnlichen Psycho-Büchern über die Körpersprache von Menschen zu lesen ist. Im Grunde dreht sich alles darum, entweder passiv Widersprüche zwischen einer sprachlichen Aussage und unbewussten körperlichen Signalen herauszufinden oder körperliche Stresssignale zu sehen und zu interpretieren, wenn man andere Personen konfrontativ (zum Beispiel in einem Verhör) behandelt.
Alle körperlichen Signale werden sehr gut in Bildern erklärt. Sie dann im Alltag auch tatsächlich in komplexen Situationen zu sehen und richtig zu interpretieren, ist sicher nicht ganz einfach, besonders dann nicht, wenn wir selbst aktiv beteiligt sind.
Wir sind durch unser Bildungssystem eigentlich nur Wenn-Dann-Regeln gewöhnt. Zunächst werden in diesem Buch auch solche Regeln scheinbar aufgestellt. In den letzten Kapiteln wird das jedoch wieder abgeschwächt, indem der Autor uns erklärt, dass nicht aus jeder unbewussten körperlichen Reaktion eindeutige Schlüsse gezogen werden können. Das wird sofort klar, wenn man sich vorstellt, dass man unschuldig ist, aber aggressiv verhört wird. Wem würde da nicht unbehaglich werden?
Fazit.
Ein wirklich lehrreiches und einfach und kompetent geschriebenes Buch, das weit über das normale Niveau der üblichen Körpersprache-Erklärungen hinausgeht. Man sollte allerdings nicht erwarten, dass man nach dem Lesen seine Mitmenschen völlig durchschauen wird.