Hinter dem Ausstattungskino anno 1932 verbirgt sich ein wundervoller Film
Das ist schon ein bisschen gemein: "People come, peolpe go, nothing ever happens", so heißt es gleich zu Beginn des Films "Menschen im Hotel". Möchte da ein etwas langweiliger Streifen gleich mal eben seine Langeweile zum Kunstprinzip erheben, vorab um Entschuldigung heischend, und mehr noch, möchte er allen Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen, nach dem Motto: Genau so und nicht anders soll es ja sein? Glücklicherweise verpufft jeglicher Argwohn recht schnell. Und Argwohn hatte ich durchaus, ehrlich gesagt: Zwar mag ich alte Filme recht gerne, aber 1932, Du liebe Zeit, ein bisschen sehr alt vielleicht. Was war das für eine Zeit? Den Machern lag der Stummfilm noch in den Knochen, es gibt exaltierte, völlig überzeichnete Darstellungen en masse. Andererseits war das Medium Tonfilm noch jung, viele Glücksritter versuchten sich in schnell heruntergekurbelten Streifen. Ästhetik, Kunst: Fehlanzeige, Kamera druff und los, mit möglichst vielen prall geschmetterten Liedern. Statische Kamera, keine Schnitte, keine in der Filmhandlung nicht vorkommende Hintergrundmusik, und jede Szene wird mit einer langen Auf- und Abblende eingeleitet, damit man auch ganz genau weiß, wo's langgeht und dem Zuschauer alle Denkarbeit abgenommen wird. Andererseits auch wieder: Lust am Experimentieren und an heute simpel anmutenden Filmtricks, im besten Falle surreale, im schlechtesten Falle alberne Bilder. Dann: Der Starkult, gerade Anfang der 30er recht extrem betrieben. Jegliche Frau hatte Kleider, die man nicht von der Stange kaufen kann, dauerweichgezeichnet-unnahbar, viel größer als das Leben.
Und mit diesem Vorwissen bzw. mit diesen Vorurteilen guckte ich mir ein Prestigeobjekt von MGM an. MGM, der Löwe unter den Majors, more stars than in heaven, na das konnte ja was werden.
Und es wurde was! Von den oben genannten (Vor-)Urteilen wurde eigentlich nur eines bestätigt, der Starkult wird hier exzessiv betrieben, und das manierierte Spiel der Garbo ist zu Beginn wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Immerhin macht sich der Film, besser als viele seiner Konkurrenten, noch die Mühe, in der Filmhandlung zu erklären, warum die "Tippse" Joan Crawford sich so ein todschickes Kostüm überhaupt leisten kann. Und der Starkult erdrückt nicht die Charaktere, die sind nämlich in dem Film äußerst interessant. Deutschland in der Zwischenkriegszeit, das feinste Hotel Berlins, hier sehen wir eine dekadente Gesellschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs, auch schon den Niedergang der dekadenten upper class (oder derjenigen, die sich dafür halten). Der elegante Baron ist in Wirklichkeit pleite, der kleine Buchhalter, der nicht mehr lange zu leben hat, möchte einmal sein Geld verprassen, der bullige steinreiche Geschäftsmann sieht seine Existenz durch eine gefährdete Fusion bedroht, die extravagante Tänzerin möchte sich erst das Leben nehmen und verliebt sich dann, die Sekretärin ist nicht abgeneigt, sich finanzieller Vorteile willen umschwärmen zu lassen, muss aber überdenken, wie weit sie damit gehen kann. Dies sind die fünf wichtigsten Charaktere, gespielt von John Barrymore, Lionel Barrymore, Wallace Beery, Greta Garbo und Joan Crawford. Und sie spielen alle recht gut, Beery ist ein wenig in seinem Klischee des grobschlächtigen Typen gefangen (vielleicht ist es kein Zufall, dass sein Starruhm am schnellsten verblasste, John Barrymore zählt ja nicht, der hat sich ja totgetrunken) und die Garbo trägt zu Beginn etwas dick auf, ABER das sei ihr verziehen, denn umso schöner kann sich als Verliebte aufblühen, mit ihrer ganzen Seele und ihrem ganzen Körper, alles ist anders an ihr, und das ist nicht nur dem Make-Up und der Frisur geschuldet, sondern der ganzen Körperhaltung und Gestik, also Dingen, die definitiv von ihr selbst kommen und nicht von einem Stylisten. Natürlich tun die ihr Übriges, wie auch insbesondere bei Garbo der Beleuchter, es ist hier nix dem Zufall überlassen, und in einer wichtigen Großaufnahme kommt das Licht offenbar von der Decke, so dass sie die längsten Augenwimpernschatten der Welt hat, wunderbar. Also mit Recht "die Göttliche", würde ich sagen.
Schauspielerische Leistungen und Ausleuchtung sind aber nicht die einzigen guten Elemente des Filmes. Zu loben ist z.B. auch die Erzähltechnik. Alleine die erste Szene, in der verschiedene Leute telefonieren und dies dann so montiert wird, dass die Telefonfetzen der einzelnen immer kürzer werden, bis man beinahe den Eindruck hat, es handele sich um ein einziges Telefonat, das ist klasse geschrieben und arrangiert. Und im Hintergrund sieht man dann tatsächlich andauernd Leute kommen und gehen, die aber letztlich nicht wichtig sind. Das ist alles recht kunstvoll und aufwendig gefilmt, man hätte es mit den Statisten im Hintergrund ja auch sein lassen können, aber das ergibt Sinn: Eine Pointe dieses Arrangements sehe ich darin, dass der danach losgelassene Spruch - Leute kommen und gehen, nichts passiert - sich bereits in der ersten fünf Minuten zugleich bestätigt und widerlegt hat. Ja. Leute kommen und gehen. Aber: Doch, es passiert was, und zwar eine ganze Menge. Von daher hatte ich gleich zu Beginn großes Interesse an den Einzelschicksalen, und das hat sich den ganzen Film über gehalten. Auch der Schluss passt übrigens dazu, dass zwar eine Menge passiert ist, aber doch wieder Leute kommen und gehen werden und gemeinerweise die gerade gesehenen Schicksale, so sehr sie uns auch berührt haben mögen, doch wieder durch andere Schicksale ersetzt werden können. Vielleicht ist das das Fatale an der ganzen Sache: Es passiert extrem viel, und hinterher ist alles so, wie's war.
Die Tatsache, dass MGM seinerzeit das Edelstudio war, bringt hier ausschließlich Vorteile. Beim Ausstattungsfilm ab ca. 1955 (Breitwand und bewusste Pracht gegen die TV-Konkurrenz) bin ich manchmal etwas reserviert, dieser Ausstattungsfilm des Jahres 1932 ist hingegen der seinerzeitigen Konkurrenz um Lichtjahre voraus. Das Dekor des Hotels, die vielstöckigen von oben gefilmten Treppen, die von oben gefilmte Telefonschaltstelle, alles wunderbar. Keine mau ausgeleuchteten, schlampig kadrierten, auf schrille Momenteffekte zielende Bilder, alles wunderbar durchkomponiert. Und vielleicht sogar ein bisschen die elegante Handschrift nicht nur des Studios, sondern des Regisseurs Edmund Goulding. Edmund Goulding? Sicherlich nicht einer der ganz individuellen Stilisten, aber der Mann hat mir schon viele schöne Stunden geschenkt, mit dem Bette-Davis-Schmachtfetzen "Opfer einer großen Liebe" und der recht anspruchsvollen Literaturverfilmung "Auf Messers Schneide". Zu letzterem hatte ich meine Rezension "fließende Eleganz" genannt, nun wollte ich das nicht noch mal schreiben und habe mich in Anspielung auf die Handlung mit "fließende Dekadenz" herausgewunden, aber gehupft wie gesprungen, das ist ein fließend eleganter Film. Goulding (und vielleicht auch ein Stück weit Produzent Thalberg) hat schon 1932 begriffen, dass eine Kamera nicht still stehen muss. Er hat schon 1932 begriffen, dass nicht jede Szene mit Auf- und Abblende eingerahmt sein muss, was das Erzähltempo wie zähes Kaugummi erscheinen lässt. Er hat 1932 schon begriffen, dass man durchaus auch einmal jenseits der altbackenen Schuss-Gegenschuss-Dialoge einen Schnitt einbauen kann, um z.B. bestimmte Personen oder Aktionen hervorzuheben. Er hat aber auch bereits 1932 kapiert, dass es gelegentlich viel eleganter ist, nicht so oft zu schneiden und dass man eine Kamera schwenken und mit einem Kran bewegen kann, dass man die Personen, ihr Kommen und Gehen, die ganze Umgebung mit der Kamera behutsam-neugierig abtasten kann, dass die fließende, aber nie hektische Kameraführung die Erzählweise leiten kann (wenn z.B. Person 1 an Person 2 vorbei geht und die Kamera einfach nicht mitkommt, da es jetzt in der Geschichte zu Person 2 wechselt). Auch gibt es für 1932 schon bemerkenswert hübsche Einfälle indirekter Erzählweise (z.B. wenn Wallace Beery auf John Barrymore mit dem Telefonhörer einschlägt, kommt ein Schnitt auf die Telefonistinnen, die sich wundern, warum das Telefon verrückt spielt, und irgend eine ausschweifende Party vermuten. Das ist originell und mindert gleichzeitig für die Zensoren die direkt gezeigte Gewalt).
Erwähnenswert ist auch die Musik. 1932 gab es sehr selten Hintergrundmusik, die nicht auch in der Filmhandlung existent war. Hier gibt es sie, und auch dies zum Gewinn des Films. Dis Musik des frühen Tonfilms wird oft arg bemüht eingesetzt, noch ein Schlager, noch eine Revue, und möglichst muss in jedem Raum ein Klimperkasten stehen, damit die Story eine Rechtfertigung dafür gibt. Nicht so hier: In der Filmhandlung gibt es keine oder so gut wie keine Musik, auf der Tonspur ist aber des öfteren welche zu hören. Und sie ist mit Bedacht gewählt, macht sie sich doch die subjektive Gefühlslage des schrägen Panoptikums im Grand Hotel ganz zu eigen. Vornehmlich handelt es sich um Johann-Strauß-Walzer, wohl ein Symbol für die untergehende Gesellschaft, die sich im Grand Hotel noch einmal feiert. Interessanterweise wird der Wechsel des Musikgeschmacks als Wechsel einer Epoche auch am Schicksal der von Greta Garbo gespielten Tänzerin thematisiert. Es ist die Rede davon, dass klassisches Ballett kein Publikum mehr zieht, und ob man es nicht mal lieber mit Jazz versuchen möge.
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