In Vicki Baums "Menschen im Hotel" geht es tatsächlich um Menschen -- und um ein Hotel. So stellt man sich ein Berliner Luxushotel der 1920er Jahre vor: Gediegen und mit diskretem Personal, mit Wintergarten,Tea-Room, großer und kleiner Speisesaal, Springbrunnen in der Halle usw. Bevor die eigentliche Handlung einsetzt, lernt man den Ort und seine Atmosphäre kennen.
In diesem Roman geht es um eine Handvoll Menschen, deren Wege sich hier kreuzen -- zufällig meist, manchmal auch gewollt: die alternde russische Ballerina Grusinskaja, die ihre besten Zeiten hinter sich hat, und der attraktive und nicht ganz ehrbare Baron Gaigern; der todkranke Hilfsbuchhalter Kringelein, der endlich "das Leben" kennenlernen will; der biedere Fabrikbesitzer Preysing, dem hier diffizile Verhandlungen bevorstehen; der von einer Kriegsverletzung entstellte Dr. Otternschlag; das Aktmodell "Flämmchen" und noch einige andere. Das Grand Hôtel dient als Kristallisationspunkt, als Katalysator all der vielen Handlungsstränge.
In den nun folgenden vier Tagen und Nächten lernt man diese Menschen genauer kennen, oft aus verschiedenen Blickwinkeln; ihre Schicksale überschneiden sich, bilden einen Reigen. Jedes Kapitel erzählt aus Gegenwart und Vergangenheit einer oder mehrer Figuren, leuchtet in diesen Momentaufnahmen ihr Seelenleben aus -- um dann den Leser abrupt zum nächsten Handlungsstrang zu führen. Scheinbare Nebensächlichkeiten haben große Wirkung, und jeder tut etwas Unerwartetes und beeinflusst damit auch wieder das Leben der anderen.
Den Rahmen für all diese Geschehnisse bilden die Sorgen des Portiers und werdenden Vaters Senf, dem am Ende die Geburt einer gesunden Tochter mitgeteilt wird. Und da sich moderne Leser oft nicht trauen, naiv zu sein, nimmt ihnen ein Page die Mühe ab und spricht es aus: "Sonderbar ist es mit den Gästen im großen Hotel. Keiner verlässt die Drehtür so, wie er hereinkam."
Dieser "Kolportageroman mit Hintergründen" (so der Untertitel) ist allerbeste Unterhaltungsliteratur! Sein Aufbau erinnert an ein klassisches Bühnenstück, nicht nur wegen der Einheit von Zeit und Raum. Vicki Baum versteht es, die Stimmungen ihrer Protagonisten und die Berliner Atmosphäre der "wilden Zwanziger" authentisch zu vermitteln. Vielleicht besteht ihr Geheimnis darin, dass sie exakt beobachtet und doch Mitleid mit ihren Figuren hat, sie ernst nimmt. Alle wollen sie irgendwie aus ihrem Leben ausbrechen -- und manchen gelingt das sogar.