Man könnte sich fragen: Ist es überhaupt möglich, auf 153 Seiten eine fundierte und wesentliche Kritik am Gender-Mainstreaming (GM) und der ihm zugrunde liegenden Gendertheorie zu üben? Meine Erfahrung mit dem Buch von Barbara Rosenkranz lässt mich diese Frage mit einem klaren »Ja« beantworten. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Grundlagen von GM auf Ideologien aufsetzen. Und da Ideologien meist auf fatalen Denkfehlern und Wahrnehmungsdefiziten beruhen, kann man ihre Schwachstellen auch leicht finden und ihre inneren Widersprüche aufdecken. In diesem Sinne leistet das Buch hervorragende Aufklärungsarbeit.
Die Autorin schildert als Österreicherin zwar vornehmlich österreichische Gegebenheiten, nimmt aber auch immer auf die bundesdeutsche oder die europäische Realität Bezug, die sich eigentlich deswegen nicht groß unterscheidet, weil GM eine europäische Richtlinie ist, die für alle EU-Länder bindend ist. Wer über »Geschlecht« redet, kommt an »Fortpflanzung« nicht vorbei, denn das ist die eigentliche biologische Funktion der Geschlechter. Dementsprechend geht die Autorin am Anfang des Buches kurz auf die demoskopische Situation ein. Bekannt ist, dass die Kinderquote pro Frau in fast allen Industriestaaten kleiner als zwei ist. Die reproduktive Rate von 2,3 wird hier schon lange nicht mehr erreicht. Damit ist klar, dass solche Populationen aussterben werden, wenn die Rate nicht wieder über die 2,3 geht. Die Autorin belegt auch, dass dies in erster Linie ein Problem der Eliten ist, denn je höher der Bildungsgrad ist, desto geringer fällt die Kinderzahl aus. Unter Journalistinnen, wo die Genderthesen am stärksten rezipiert werden und die auch den größten Einfluss auf die öffentliche Meinung haben, ist mit ca. 67% die Kinderlosigkeit am größten. Des Weiteren belegt die Autorin mit vielen Zahlen, dass den erklärten Zielen der Frauenpolitik und des GM die Interessen der Bevölkerung (besonders der weiblichen) klar entgegen stehen. Es handelt sich hier um ein Programm "von oben", das "nach unten" durchgesetzt werden soll, ohne dass es öffentlich diskutiert wurde, geschweige denn demokratisch legitimiert wäre. Die Umsetzung geschieht nach dem Kaderprinzip, das auch schon in der ehemaligen Sowjetunion eingesetzt wurde, um von oben festgelegte Prinzipien effizient nach unten durchzusetzen.
Im weiteren Verlauf des Buches beschäftigt sich Barbara Rosenkranz etwas genauer mit dem GM. Dabei legt sie offen, dass dieser Begriff gar nicht so klar definiert ist und dass scheinbar auch kein allzu großes Interesse besteht, dass er in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Jedenfalls ist er bei der Bevölkerung kaum bekannt. Offiziell wird er mit Gleichstellung assoziiert und es wird betont, dass GM auf beide Geschlechter ziele. Schaut man jedoch hinter die Kulissen, dann tauchen dort das Gender-Kompetenzzentrum und die "Gender Studies" auf. Das Gender-Kompetenzzentrum berät vor allem Politiker und Entscheidungsträger in Genderfragen und es unterhält Kontakte zur Genderforschung. Die "Gender Studies" selbst gründen auf dem Genderparadigma, das »Geschlecht« - sogar biologisches - als soziales Konstrukt "dekonstruiert". Ausgeheckt haben das in erster Linie Soziologen, Philosophen und Literaturwissenschaftler (Judith Butler, eine der maßgeblichen Theoretikerinnen des postmodernen Feminismus und der Gendertheorie ist Philosophin und Literaturwissenschaftlerin). Dass das soziale Geschlecht durchaus kein Konstrukt sein könnte und mit dem biologischen korrespondiert, ist in den "Gender Studies" Denktabu und darf keinesfalls in einem offenen interdisziplinären Dialog mit Biologen und Psychologen diskutiert werden. Um das rund zu machen, muss man natürlich den Kontrahenten in epistemisch-relativistischer Manier die Kompetenz absprechen, indem man ihnen unterstellt, sie seien von dichotomen Denkkategorien korrumpiert, die von den Genderisten längst dekonstruiert seien. Namhafte Leute, wie z.B. der Mainzer Soziologe und Kriminologe Prof. Dr. Dr. Bock, die GM und Gendertheorie öffentlich kritisieren, werden mundtot gemacht. Da GM alle öffentlichen Richtlinien durchdringt, stehen als Druckmittel hier die Kürzung von Fördergeldern, die Vergabepraxis öffentlicher Aufträge, dienstliche Beurteilungen und öffentliche "Brandmarkung" zur Verfügung. Wenn also ein Prinzip und seine zugrunde liegende Theorie auf zweifelhaften Voraussetzungen fußt, den interdisziplinären Dialog nicht sucht, sich stattdessen gegen jede Kritik von außen immunisiert und versucht, seine Kritiker zum Schweigen zu bringen, dann kann es sich hier nur um eine totalitäre Ideologie handeln.
In "Die Wurzeln des Gender Mainstreamings" zeigt die Autorin die historischen Quellen des GM auf. Hier weist sie an vielen Zitaten von Marx, Engels, Bebel u.a. nach, dass die Ideen des GM und der Gendertheorie bereits bei den "fossilen" Linken angelegt waren. Neue Aspekte (insbesondere die These vom Geschlecht als sozialem Konstrukt) haben Simone de Beauvoir u.a. hinzugefügt. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass den Protagonisten allesamt nicht auffällt, dass sie das, was sie kritisieren, durch die Hintertür wieder einführen. Sie prangern nämlich den alten "Rollenzwang" für Männer/Frauen an und wollen im selben Atemzug Männern und Frauen neue Rollen aufdrängen, die nun mit allen Mitteln politisch durchgesetzt werden sollen. Es ist das Kennzeichen jedes Totalitarismus, dass er Menschen zu neuem Verhalten umerziehen will.
Die folgenden beiden Kapitel des Buches beschäftigen sich damit, wie und mit welchen Strategien sich GM in Politik und Gesellschaft breit gemacht hat und wie es praktisch umgesetzt wird. Dabei vergisst Barbara Rosenkranz nicht, auch darauf hinzuweisen, mit welcher Selbstverständlichkeit hier Steuergelder für die absurdesten Projekte verbraten werden (z.B. für die Her- und Aufstellung von gegenderten Verkehrsschildern wie das auf dem Buchcover ironisch übertriebene Original).
Das letzte Kapitel sollte dem Titel nach Handlungsperspektiven aufzeigen. Es ist leider etwas misslungen. Einer nochmaligen Zusammenfassung des bereits Geschriebenen, steht dann nur noch Frankreich mit seiner Familienpolitik als positives Beispiel gegenüber. Das kann ich irgendwie nicht richtig glauben. Ansonsten kann ich das Buch nur jedem empfehlen, der sich kritisch mit GM und der Gendertheorie auseinandersetzen möchte. Er wird schwerlich ein zweites Buch finden, das auf so engem Raum so viel gut belegte Hintergrundinformation bringt.