"Die Menschen leugnen mit ebenso wenig Gefühl das göttliche Dasein, als die meisten es annehmen. [...] Man kann zwanzig Jahre lang die Unsterblichkeit der Seele glauben -- erst im 21., in einer großen Minute, erstaunt man über den reichen Inhalt dieses Glaubens, über die Wärme dieser Naphtaquelle." (Jean Paul)
"Wenn der Ontologe zu religionsnah operiert, so der Analytiker zu religionsfern. Zwei unbrauchbare Lösungen geben nicht den geringsten Anhaltspunkt für eine Vermittlung." (Niklas Luhmann)
Wenn man nun soziologisch (Dürkheim) oder phänomenologisch (Otto) weiterdenkt, kommt man zu einer Moral und Religion in einer Gesellschaft, die sich selbst als Transzendenz anbietet, da sie der nunmehr umstrittene Gott nicht bieten kann. Der Weg zum eigenen Gott ist damit frei oder anders ausgedrückt: "Der Mensch schuf Gott". Und nach seinem Großhirn schuf er IHN. So wie der Mensch das Atmen nicht einstellt, weil die Luft zu unrein ist, wird er das Denken nicht einstellen, um sich dem "Großen Anderen" (Sloterdijk) zu entziehen. So wie allenthalben behauptet wird, das 21. JH ist das JH der Religionen, so kann der Mensch entscheiden, ob es friedlich ist, wie U. Beck (Der eigene Gott) es bereits deutlich machte.
Nun kommt ein sanfter Atheist daher, ein Professor für das kollektive Gedächtnis und gibt evolutionsbiologische Erklärungen für den Grund und das Muss von Religionen. Ganz anders als der militante Gottesgegner Dawkins (Der Gotteswahn) zieht Boyer zu Felde. Es geht ihm nicht um Beweis oder Widerspruch, nicht um semantische Feinheiten (Spaemann) von Gegenwart und Zukunft, sondern es geht ihm um die Entstehung religiöser Ideen, um deren Funktion und deren Folgen. Wenn nun die abendländische Religion sich gründet auf ein Gut und Böse, bleibt die Frage, warum die Kultur in Kamerun diese Unterscheidung nicht kennt. Kann eine Religion ohne Theodizee überhaupt eine Religion sein? Nun muss man, um einen Weg zu finden, sich der theological correctness unterwerfen, d.h. unterscheiden lernen, zwischen den Gesetzen der Buchreligionen und den Brauchtümer und Ritualen, eben zwischen Theorie und Praxis. Für Boyer gibt es daher ein ganzes Bündel von Faktoren, die den Menschen zum Glauben, zur Religion prädestinieren. Nimmt die Argumentation nun diese Wendung, ist man bei den sozial-psychologischen Aspekten, gar pragmatischen und eben aus der Sicht von Boyer evolutionsbiologischen Gründen. Der Mensch und die Suche nach dem tiefen Sinn, der ersten Ursache, ist eine Folge des kausalen Denkens. Dass etwas ohne Grund geschehe, ist höchst suspekt, dass die Natur sich verändert, ist Evolution oder eine Folge der Schöpfung. Und wo Schöpfung, da ein Schöpfer.
Boyer macht eine Reihe von Glaubensmodulen aus, die uns ständig begleiten. So wie in Mircea Eliades "Kosmos und Geschichte" oder "Das Heilige und das Profane" aufgezeigt, sind Ritual und Wiederkehr Basis einer "mentalen Rezeptur". Für Boyer ist klar, dass Religion mit Sinn und Bedeutung zu tun hat, dass Korrelationen in Bild gebenden Verfahren sich zeigen lassen, dass aber letztendlich etwas Höheres (Gott) nicht zu beweisen ist. Wäre er es, so folge ich Karl Jaspers, kann man sagen, es gäbe keinen Gott. Dass aber Effekte des Glaubens oder Glaubensmodule sichtbar werden, weiß die Neurologie und die Psychologie zu zeigen und als mentale Phänomene zu erklären. Boyer zeigt sich jedoch höchst irritiert von den Ausprägungen des "militanten Atheismus". Wer Religion, bzw. religiöse Menschen als Hirngeschädigte bezeichnet, kann nur mit Lösungen kommen, wie einer erneuten Gehirnwäsche. Diese Art der Argumentation a la Dawkins zeigt einfach nur, dass der gesamtheitliche Ansatz fehlt und die Utopie des Atheismus die Kausalitäten jeden einzelnen Schrittes einer Argumentationskette instrumentalisiert zur Meinung. Ist Religion und Glaube eine normale Funktion der Evolution, und das lehrt doch die Evolutionsbiologie wie die Evolutionspsychologie, können sie nicht falsch sein. Dass der Mensch von Natur aus zum Glauben "programmiert" ist, sagt auch Prof. Dr. Dr. Georg Northoff, (WamS August 2008). Da der Mensch statt des Gehirns die eigene Person als Selbst wahrnimmt, scheint die Lücke eben zwischen Gehirn und Selbst die Glaubensquelle zu sein, Glauben an einen Geist, an Gott oder an die Technik. Der Glaube habe eben die Evidenz des unmittelbar Erlebten auf seiner Seite.
"Sie feiern die Auferstehung des Herrn, / Denn sie sind selber auferstanden, / [...] / Sind sie alle an's Licht gebracht." Goethe lässt im Faust vor der Osterszene, die alle von Eise befreit erleben, im Prolog im Himmel den gefallenen Engel Mephisto mit Gott reden. Mephisto will den Menschen und Gottesknecht Faust vom "Urquell" abziehen. Er nennt es Wette. Gott nimmt sie nicht an, lässt aber dem Mephisto seine Zuversicht, als sei's ein Spiel. So wie das Böse auf der Welt erlebt und gedacht an eine Grenze stößt, wird das Gute auf anderem Wege dem Menschen immanent als eine geistige Erhöhung, die in der Vorstellung zu Gott transzendiert.
Der Mensch schuf Gott. Betrachten wir das Titelbild des Buches. Die Erschaffung Adams von Michelangelo wird gezeigt und im Original erkennt man hinter dem Schöpfer des Adams eine menschliche Gehirnhälfte. Der Mensch erschafft Gott aus der Vorstellung und wird so zur Imitatio Dei.
Luhmann hält jede Kommunikation für religiös, wenn sie "Immanentes unter dem Gesichtspunkt der Transzendenz betrachtet". Für Boyer spiegelt sich der Glaube in der Bedeutung der sozialen und kommunikativen Aufgaben früher und heute. Die Bilder mögen sich ändern, der Sinn dahinter ist immanent und gleich. Wenn Religion ihrerseits Formen durch Einschränken und Ausschließen konstituiert, dann ist das ein- oder ausschließen von Gott bereits religiös. Vielmehr muss man Religion betrachten, dass sie sich selbst definiert und alles, was inkompatibel ist, ausschließt. Damit wird sie erkennbar im Begriff "relegere" (Cicero) und zeigt, dass Mensch und Gott unterscheidbar sind und bleiben sollen. Dass zu erkennen, ist die Aufgabe, wie Homer bereits in der Ilias schrieb. "Erkenne Dich selbst". Soll heißen, erkenne Deinen Unterschied in der Beobachtung der Selbstbeobachtung.
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