Vorab: Ich sympathisiere sehr wohl mit der von Patrick Spät vertretenen These, dass Leben, dass Bewusstsein nicht bloss eine Nebenerscheinung biologisch-chemisch-physikalischer Prozesse ist, sondern dass der "Geist" etwas Eigenständiges, Nichtmaterielles neben der Materie sei. Wenn ich das Buch eher schwach bewerte, hat das nichts mit der philosophischen Haltung, oder der Grundaussage des Buches zu tun, sondern mit der Darreichungsform dieser Haltung.
Das Buch hat einen hervorragenden Titel. Griffig fasst er die Kernthese des Autors zusammen. Chapeau, gut gelungen.
Inhaltlich dominiert im Buch die Kritik am materialistisch-mechanistischen Weltbild der klassischen Naturwissenschaften. Die Kritik ist berechtigt und fundiert - aber ist das ein Grund, das Thema immer und immer wieder zu repetieren? Ist das ein Grund, gönnerhaft und herablassend über die Exponenten dieser Sichtweise zu schreiben (wie zB S.46, erster Abschnitt)?
Ausserdem wurde dieses Thema schon fundierter und nüchterner diskutiert, z.B. von Charles Tart in
The End of Materialism: How Evidence of the Paranormal Is Bringing Science and Spirit Together oder Charles Eisenstein
Die Renaissance der Menschheit: Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters. Eine kurze Zusammenfassung der Argumente und Verweis auf die breite Literatur hätte gereicht, um diesen Standpunkt fest zu verankern. Damit hätte sich Spät etwa 40% des Textes sparen können.
Dass der Autor im Überschwang der jugendlichen Selbstüberschätzung allen Naturwissenschaftlern geistige Beschränktheit unterstellt, ist zwar nicht weiter schlimm, aber auch kein Zeichen von eigener geistiger Reife. (z.B. S.77 "Eliminative Materialisten sind genauso naiv wie kleine Kinder...")
Leider gibt es auch eine erhebliche Zahl von unbewiesenen Behauptungen, Falschaussagen und Missverständnissen, vor allem in den angeführten physikalischen Aussagen. Beispiele: Wasser kocht keineswegs, weil "sich die Wassermoleküle plötzlich ausdehnen" (S.195). "Das Universum ist kein Computer." (S.42) - Eine unbewiesene Behauptung mit undefinierten Begriffen - Es gibt brauchbare Definitionen für "Computer", die auf das Universum sehr wohl zutreffen. Alan Aspect war nicht der erste Forscher, der die quantenmechanische Verschränkung (EPR-Paradoxon) nachgewiesen hat (S.137).
Die Relativitätstheorie besagt nicht, dass sich "nichts" schneller als das Licht bewegen kann (S.138/9). So kann sich z.B der Raum mit Überlichtgeschwindigkeit ausdehnen, und die Materie mit ihm. Auch die Verbindung zwischen zwei quantenmechanisch verschränkten Teilchen sind nicht an das Tempolimit gebunden, da ihre Verbindung ausserhalb der Raumzeit liegt. Nur Informationen können sich maximal mit Lichtgeschwindigkeit bewegen.
Das grösste Manko dieses Buches ist aber, dass Spät seine Kernthese des graduellen Panpsychismus in keiner Weise belegt oder nachweist. S.155 leitet der den Panpsychismus mit einer Behauptung ein "Alle Eigenschaften, die wir in der Wirklichkeit antreffen, müssen irgendwie "vorbereitet" sein. Folglich kann nichts in Erscheinung treten, was nicht schon in simpler und einfacher Weise im Fundament der Wirklichkeit vorgeformt ist." Daraus leitet er ab, dass die Materie demzufolge aus "Geiststaub" bestehen müsse, einer Art "Materie mit Geist drin".
Mit diesen Bausteinen, also mit der Materialismuskritik, dem Geiststaub und dem Panpsychismus jongliert Spät dann für die restlichen Seiten hin und her, ohne seine These irgendwann irgendwie zu belegen. Weder Gedankenexperimente noch falsifizierbare Tests erlauben dem Leser, das philosophische Konstrukt des Panpsychismus irgendwie zu erhärten. Eine Theorie, die sich nicht widerlegen liesse, ist jedoch eine blosses Glaubenskonstrukt.
Auch wenn ich persönlich mit Spät's Panpsychismus sympathisiere, so finde ich doch in dem Buch keine brauchbaren Ansätze, daraus mehr als eine persönliche religiöse Weltanschauung zu machen. Als Beitrag zum echten Verständnis von Geist und Materie, zum Verständnis von Hirn und Bewusstsein trägt das Buch leider sehr wenig bei.
Schade!