Was macht diesen Roman, der die tragische Geschichte eines Dienstmädchens der 20er Jahre in Paris erzählt, für den heutigen Leser noch lesenswert und interessant?
Das Dienstmädchen Marie ist frisch verliebt in Babylas, einen Mulatten, der als Fahrer für einen Maler arbeitet. Marie träumt von Glück und Ehe, ihr Freund von Reichtum und Gewalt. Trotz ihrer grenzenlosen Hingabe zu diesem Mann ist sie nicht bereit, sich an der Ermordung ihres Dienstherrn, des Perlenhändlers Delos, zu beteiligen, da sie sich auf Grund ihrer Erziehung christlichen Werten verpflichtet fühlt. In ihr wächst unaufhaltsam die Angst, die sie von nun an in allen Lebenssituationen verfolgt. Delos, der Maries Sorge um ihn als Zeichen ihrer Hingabe versteht, nutzt diese Situation rücksichtslos aus und vergewaltigt das Mädchen mehrfach. Als sie von ihm schwanger ist, wird sie aus dem Hause verstoßen. Aus Scham verschweigt sie, wer der Vater ihres Kindes ist und spürt die Verachtung, die ihr von der bürgerlichen Welt entgegengebracht wird. Nicht mal ihrer Mutter, die ihr der teuerste Mensch im Leben ist, wagt sie sich anzuvertrauen.
Im Alter von drei Wochen stirbt ihre kleine Tochter an Krankheit und Unterernährung, zur gleichen Zeit wie ihre geliebte Mutter. Beide Todesfälle und ihre eigene aussichtslose Lage rauben ihr die Kraft, weiter zu leben und lassen sie Selbstmord begehen.
Durch die akribische und einfühlsame Beschreibung des Milieus der 20er Jahre zeichnet die Autorin ein Bild der gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit, insbesondere der Diskriminierung der Frauen. Dieses Gesamtbild lässt den Roman über seine Zeit hinaus wirken, denn die Gier nach Macht und Reichtum, die Ausbeutung der Schwachen, Korruption und Kriminalität, treten auch heutzutage noch zum Vorschein.
In Ländern der dritten Welt könnte sich die Geschichte der Marie auch im 21. Jahrhundert täglich wiederholen.
Sie ist, der Name Marie deutet darauf hin, die mater dolorosa, die die Schmerzen der Welt auf sich nimmt, die stirbt, damit andere leben.