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Der Mensch erscheint im Holozän. Eine Erzählung. [Taschenbuch]

Max Frisch
4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (18 Kundenrezensionen)
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  Alle Preisangaben inkl. MwSt.
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Produktinformation

  • Taschenbuch: 160 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: 19 (2. November 1981)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518372343
  • ISBN-13: 978-3518372340
  • Größe und/oder Gewicht: 18 x 11,1 x 1,3 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (18 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 60.327 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Max Frisch hat einen grausam-faszinierenden, zwiespältigen Abgesang und Lobgesang auf ein Stück Leben geschrieben." (Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt)

Die Erzählung "Der Mensch erscheint im Holozän" hat in ihrer Luzidität und formalen Eleganz etwas Klassisches an sich. (...) Diese brillante Fabel von unauslotbarer Bedeutung ist ein Meisterwerk. (New York Times Book Review)

Buchrückseite

Die Erzählungen "Der Mensch erscheint im Holozän" hat in ihrer Luzidität und formalen Eleganz etwas Klassisches an sich. Diese brillante Parabel von unauslotbarer Bedeutung ist ein Meisterwerk. New York Times Book Rewiew, die diese Erzählungen zur interessantesten und wichtigsten des Jahres 1980 wählte.

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5.0 von 5 Sternen Die Auflösung des Menschen 8. Juni 2006
Von A. Wolf
Format:Taschenbuch
Über den Hinweis eines Professors stieß ich auf Frischs "Der Mensch erscheint im Holozän", ein auf den ersten Blick sehr eigenwilliger Titel und im Vergleich zu "Stiller" oder "Homo Faber" der Masse eher unbekannt.
Das Thema dieser 1979 erschienenen Erzählung ist das langsame Vergehen eines Menschen, der krampfhaft mit Ausschnitten aus Lexika und dergleichen versucht, das für ihn Wichtige in der Welt festzuhalten. Doch die Realität entgleitet ihm zusehends, denn er kann die Vergangenheit nicht greifbar halten.

Herr Geiser ist Witwer und lebt allein in seinem Haus. Die Natur hat ihn von der Außenwelt abgeschnitten und so erleben wir Herrn Geisers Schicksal, das ein universelles menschliches Schicksal ist: das einsame Dahingehen. Das Subjekt ist auf sich selbst zurückgeworfen und verliert sich peu à peu. Identität ist Gedächtnis, aber gerade dieses essentielle Erinnern lässt Herrn Geiser immer häufiger im Stich. Allein das weit zurückliegende Ereignis seiner gefährlichen Matterhorn-Wanderung vermag Geiser zusammenhängend wiederzugeben, die Namen seiner Enkel kann er sich indessen nicht merken.

Das zutiefst Beeindruckende an "Der Mensch erscheint im Holozän" ist die Erzählsperspektive, an der Frisch über Jahre hinweg feilte. Dem Leser offenbart sich dabei die größtmögliche Unmittelbarkeit: Erlebte Rede, die auktoriale und personale Elemente vereint, verbindet sich mit typografisch eingebundenen Lexikonartikeln. Der Leser sieht also, was Herr Geiser sieht, ohne dass dies kommentiert wird. Hinzu kommt das häufige Trennen von Absätzen, wodurch der Textfluss den Charakter unzusammenhängender Gedanken erhält, wie sie für einen alten, zerstreuten Mann doch sehr typisch sind. Mit dieser maximalen Unmittelbarkeit ist Frisch eine sprachliche Sogwirkung gelungen, die er neuerlich mit der schlichten Virtuosität seiner einzigartigen Erzählweise erzielt. Zudem stellen sich einmal mehr Fragen nach der menschlichen Identität und der Bedeutung von Wissen. Geiser, der sich mit seinem Weltwissen eine Ordnung geschaffen hat, gerät in Konfusion und fragt sich: "Ob es Gott gibt, wenn es einmal kein menschliches Hirn mehr gibt, das sich eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht denken kann?"

Erzähltechnisch ist "Der Mensch erscheint im Holzän" absolut perfekt. Dieser feine Text über das Altern und das Dahingehen, über die sich auflösende Identität, sei allen dringend ans Herz gelegt.
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15 von 16 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Leben in den letzten Tagen 18. Dezember 2005
Format:Taschenbuch
„Wissen beruhigt“ ist die Meinung von Herr Geiser, der alleine in nahezu völliger Abgeschiedenheit auf einem Berg im Tessin wohnt. Ein Unwetter schneidet den alten Mann von seiner Umwelt ab und lässt ihn in völliger Ohnmächtigkeit in Büchern und Lexika lesen, um für sich und seine Nachwelt das herauszuschreiben, dass nicht vergessen werden soll. Da er aber nicht die ganze Zeit mit Lesen verbringen kann, geht er ein paar Mal vor die Tür um seine Beine zu vertreten. Auf diesen kleinen Ausflügen merkt er, dass er sehr schnell schwach und müde wird.
In seinen schützenden vier Wänden klebt er seine Aufzeichnungen aus den verschiedenen Büchern, wie Lexikon, Geschichtsbuch oder Bibel an die Wand. Manchmal reist er die Originalseiten aus den Büchern und heftet diese zu den anderen. Dabei wird er sich bewusst, dass die Rückseiten ebenso wichtig sein können, als die auf der Wand befestigten, doch die Blätter sind schon zerstört und eine Seite unleserlich gemacht worden.
Auf den Wanderungen stößt Herr Geiser an seine Grenzen; in seinem Haus ebenso. „Man verblödet“, obwohl er immer mehr Wissen auf den Wänden tapeziert. Doch genau das ist einer der Punkte, die seine Tochter, als sie ihn besuchen kommt, nicht verstehen kann. Was sollen nur diese vielen Zettel. Sie fallen herunter und verbreiten ein loses Chaos am Boden. Das ist nicht der Sinn der Sache. Geisers Tocher kann ihn nicht verstehen.

„Schlimm wäre der Verlust des Gedächtnisses“, heißt es in der Erzählung. Frisch schreibt diesen Satz im Laufe der Seiten weiter, denn es heißt auch: „Ohne Gedächtnis gibt es kein Wissen“. An einer anderen Stelle schreibt er: „Wissen beruhigt.“
Frisch beschreibt hier eine Problematik des Lebens. Denn was heißt schon Leben, wenn man sich nicht erinnern kann, was man erlebt hat? Er scheint ohnehin seine Gegenwart sehr stark als vergangen zu betrachten: „das Haus gehört kaum zur Gegenwart, wenn Herr Geiser daran denkt, dass er vierzehn Jahre dort gelebt hat.“
Normalerweise setzt man Erlebtes Erinnerungen voraus. Dies kann jedoch nur dann möglich sein, wenn man über ein intaktes Gedächtnis verfügen kann. Erinnerungen sind der Beweis, dass man gelebt hat. Wer über keine Erinnerungen verfügen kann, ist in gewissen Sinne tot. Und gegen diesen Tod kämpft der Protagonist in der Geschichte an. Er möchte nicht dumm sterben. Im Gegenteil er versucht alles, um sein Leben gedanklich in Griff zu bekommen, denn Wissen trägt in sich eine gewisse Ruhe und er versucht alles, um seine Ruhe zu erhalten.

Der Autor zeichnet eine Figur, die dem Gefühl des Sterbens sehr nahe ist: „Offenbar fallen Gehirnzellen aus.“ Die Erzählung beschreibt eine Konfrontation mit den letzten Tagen eines Menschen, an denen alles sehr langsam verläuft.
Dies unterstützt auch Frischs hervorragender Satzbau, der durch die vielen Trennungen mit Absätzen das ganze Geschehen verlangsamt, als ob man gar nicht anders könne, als Wort und Inhalt in dieser langsam verstreichenden Zeit der Erzählung zu lesen. Überdies hinaus verbindet Frisch seine eigene Erzählstruktur mit Ausschnitten aus den gelesenen Texten des Herrn Geiser, die dem Leser einen tiefen Einblick in die Welt des einsamen alten Herrn ermöglichen.

Man erfährt den Zeitraum eines alten Mannes, der sich langsam klar darüber wird, dass er dem Kreislauf des Lebens ausgeliefert ist. Der Mensch ist nicht in der Lage den Lauf der Natur zu ändern, dies zeigen Millionen von Jahren in der Geschichte, die er wissbegierig liest und das jüngste Geschehen um ihn. Außerhalb seines Hauses lässt ihn der Sturm seine Grenzen wahrnehmen und wenn er innerhalb seiner vier Wände Ruhe und Schutz sucht merkt er, dass er nicht alles lesen kann. Es können nicht alle Informationen aufgelistet werden, alles geht kaputt, „der Mensch bleibt ein Laie“.

Max Frisch schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine andächtige Erzählung, in der nicht vordergründig ein negativ empfundener Fatalismus des Menschen zum Ausdruck kommt, sondern ein positiv bejahendes Lebensgefühl. Geisers Geschichte ist unsere Geschichte, sie beschreibt das Leben in seiner Antonymie, sie beschreibt eine Reflexion des Lebens und gleichzeitig die Erkennung des Todes.
Max Frisch macht deutlich, dass er sich nicht auf erarbeitete Lorbeeren ausruht, sondern, dass sein Name noch lange nicht aus der Gegenwartsliteratur hinweggedacht werden kann und schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine Erzählung, die in der Literaturgeschichte ihresgleichen sucht.

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2 von 2 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
5.0 von 5 Sternen Oh wie schön ist A.: ... eine unauslotbare Bedeutung 31. Oktober 2008
Von kpoac TOP 500 REZENSENT
Format:Taschenbuch|Von Amazon bestätigter Kauf
"Die Genialität des Bewusstseins beruht nicht auf die Information,
die es enthält, sondern auf der, die es nicht enthält.
Das Bewusstsein ist genial, weil es weiß, was wichtig ist."
(Tor Nørretranders, Wer ist Ich? / Spiegel 1996)

Max Frisch (1911-1991) weiß, dass das Ende dazu führt, Zeit zu haben. Herr Geiser hat Zeit. Sein Leben und seine Umgebung sind eingestürzt, wackelig, unwirklich, aber lexikalisch. Ein Fragment. Alles, was ist, lässt sich auch am Ende in einem Lexikon finden. Doch die Fragen der Gegenwart, die eigentlich erinnerte Vergangenheit sind, entgleiten zusehends und machen reale Gegenwart fragenlos, "ohne Gedächtnis kein Wissen". Keine Fragen, deren wirkliche Antworten in Lexika stehen, deren Nutzung am Nicht-Fragen-Können scheitert. Das Unsagbare ist das Weiße zwischen den Worten, von den Worten umzingelt, die wie ein Meißel alles weg hauen, was nicht Geheimnis ist. Was Wort ist, fällt einer Leere anheim. (vgl. Tagebuch 1946-1949)

Allein, Witwer, der Natur entfernt und doch ihr nah, um in ihr zu vergehen. Sprache, die trifft, unmittelbar, direkt und anziehend. Geiser sitzt vor einem, in Geiser schlüpft der Leser hinein und gewinnt die Perspektive der Ausweglosigkeit, des Endes. Geiser kann die Auseinandersetzung des Endes, sofern es als Wahrnehmung überhaupt schon präsent ist, nicht für eine positive Betrachtung des gelebten Lebens nutzen. Von sich in der dritten Person zu reden, distanziert vom Ich. Die Suche bleibt. Herr Geiser sucht.... "Es bleibt nichts als Lesen", keine Romane, da diese zu nah an Beziehungen zwischen Menschen kleben, an Gesellschaft und Teilhabe, um Seelen, unglückliche.... "Ob es Gott gibt, wenn es kein Hirn mehr gibt ...?" Geiser ist am Südpol mit Scott, er sieht Farben im Gartenbuch und weiß um Island, wo er mal war. Den Goldnen Schnitt konstruiert er nach Anleitung, gelesen im Lexikon, seine Gartenbeete waren wie der Goldene Schnitt.

Frisch nimmt das Gelesene als Kopie oder Schnipsel fragmentarisch und zur Unterstreichung zumindest dieser Authentizität mit in den Text. Der Leser liest mit den Augen von Geiser, ihn überfällt gar die neurotische Entsagung, kein Lesen mehr, alles ohne Leben, nur noch virtuell am PC, Lesen und Schreiben in Amazonien. "Man ist nicht am Ende der Welt!" Man verblödet - Keine Ahnung, was in der Welt geschieht. "Es bleibt nichts als Lesen".

Sie spüren vielleicht die D(r)inglichkeit des Lebens, das nur noch Beschreibende ohne Erleben, diese Gedankenfetzen, wahllos aneinander gereiht, weil in der schwindenden Erinnerung jedweder Zusammenhang abstirbt. Es ist der Mensch, auf der Suche nach seiner Identität im Verlust derselben. Dazu weiß auch das Lexikon nichts, "offenbar fallen Hirnzellen aus. Das ist aber nicht heute gewesen. K. ist in Bagdad begraben." Wie Erich Fried: "Ich will mich erinnern, dass ich nicht vergessen will, denn ich will ich sein" kämpft Geiser gegen das Vergessen.

Der Mensch erscheint, er wird zu einer Erscheinung im Holozän, eine Erscheinung der Gegenwart. Der Mensch bildet sich erneut. Frisch' Parabel ist aktuell. Das bleibt im Gedächtnis. Das völlig Neue, der Holozän - in "einem Zeitalter, dass so viel liest, dass es keine Zeit hat zu bewundern, und so viel schreibt, dass es keine Zeit hat zu denken" (Oscar Wilde). Bei allem was zum Abgesang gehört: "Wissen beruhigt!" ... eine unauslotbare Bedeutung ... im völlig Neuen.

Max Frisch schafft mit seiner Erzählkunst der emotionalen Unterkühlung - geschickt durch strukturelle Einfachheit und durch nur dokumentierte nach außen gewandte Wahrheits-Scheinlichkeit initiiert - eine aufdringliche menschliche Leere, die im Erkennen der Tiefe des Nichts zu einem Emotion-Tsunami anwächst, der vom horror vacui angezogen zur kontingenten Neuorientierung des Menschen führt. Eine wahrhaft erzählerische Meisterleistung.
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