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„Schlimm wäre der Verlust des Gedächtnisses“, heißt es in der Erzählung. Frisch schreibt diesen Satz im Laufe der Seiten weiter, denn es heißt auch: „Ohne Gedächtnis gibt es kein Wissen“. An einer anderen Stelle schreibt er: „Wissen beruhigt.“
Frisch beschreibt hier eine Problematik des Lebens. Denn was heißt schon Leben, wenn man sich nicht erinnern kann, was man erlebt hat? Er scheint ohnehin seine Gegenwart sehr stark als vergangen zu betrachten: „das Haus gehört kaum zur Gegenwart, wenn Herr Geiser daran denkt, dass er vierzehn Jahre dort gelebt hat.“
Normalerweise setzt man Erlebtes Erinnerungen voraus. Dies kann jedoch nur dann möglich sein, wenn man über ein intaktes Gedächtnis verfügen kann. Erinnerungen sind der Beweis, dass man gelebt hat. Wer über keine Erinnerungen verfügen kann, ist in gewissen Sinne tot. Und gegen diesen Tod kämpft der Protagonist in der Geschichte an. Er möchte nicht dumm sterben. Im Gegenteil er versucht alles, um sein Leben gedanklich in Griff zu bekommen, denn Wissen trägt in sich eine gewisse Ruhe und er versucht alles, um seine Ruhe zu erhalten.
Der Autor zeichnet eine Figur, die dem Gefühl des Sterbens sehr nahe ist: „Offenbar fallen Gehirnzellen aus.“ Die Erzählung beschreibt eine Konfrontation mit den letzten Tagen eines Menschen, an denen alles sehr langsam verläuft.
Dies unterstützt auch Frischs hervorragender Satzbau, der durch die vielen Trennungen mit Absätzen das ganze Geschehen verlangsamt, als ob man gar nicht anders könne, als Wort und Inhalt in dieser langsam verstreichenden Zeit der Erzählung zu lesen. Überdies hinaus verbindet Frisch seine eigene Erzählstruktur mit Ausschnitten aus den gelesenen Texten des Herrn Geiser, die dem Leser einen tiefen Einblick in die Welt des einsamen alten Herrn ermöglichen.
Man erfährt den Zeitraum eines alten Mannes, der sich langsam klar darüber wird, dass er dem Kreislauf des Lebens ausgeliefert ist. Der Mensch ist nicht in der Lage den Lauf der Natur zu ändern, dies zeigen Millionen von Jahren in der Geschichte, die er wissbegierig liest und das jüngste Geschehen um ihn. Außerhalb seines Hauses lässt ihn der Sturm seine Grenzen wahrnehmen und wenn er innerhalb seiner vier Wände Ruhe und Schutz sucht merkt er, dass er nicht alles lesen kann. Es können nicht alle Informationen aufgelistet werden, alles geht kaputt, „der Mensch bleibt ein Laie“.
Max Frisch schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine andächtige Erzählung, in der nicht vordergründig ein negativ empfundener Fatalismus des Menschen zum Ausdruck kommt, sondern ein positiv bejahendes Lebensgefühl. Geisers Geschichte ist unsere Geschichte, sie beschreibt das Leben in seiner Antonymie, sie beschreibt eine Reflexion des Lebens und gleichzeitig die Erkennung des Todes.
Max Frisch macht deutlich, dass er sich nicht auf erarbeitete Lorbeeren ausruht, sondern, dass sein Name noch lange nicht aus der Gegenwartsliteratur hinweggedacht werden kann und schreibt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ eine Erzählung, die in der Literaturgeschichte ihresgleichen sucht.
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