In meiner langjährigen Praxis als Haustierarzt bzw. Tierhausarzt haben sich
immer wieder einmal Katzen oder Kater mit einer Bitte an mich gewandt: "Ach,
Herr Doktor, Sie geben oft so gute Ratschläge. Aber wenn ich sie dann bei
passender Gelegenheit weitersagen will, habe ich alles wieder vergessen. Könnten
Sie mir das nicht mal aufschreiben?"
Und so reifte in mir der Plan, meinen lieben Patienten (und einer hoffentlich
stattlichen Leserschaft) diesen kleinen Ratgeber an die Hand bzw. Pfote zu
geben. Er behandelt ein Thema, mit dem ich beruflich und auch privat - in meiner
Eigenschaft als Hauskater - immer wieder konfrontiert worden bin: die
Schwierigkeiten der Katze im Umgang mit ihrem wild zum Abspecken entschlossenen
Menschen.
Was ich da nicht alles zu hören bekam: Das liebevolle Frauchen und das zärtliche
Herrchen mutieren in Diätzeiten offenbar zu übellaunigen Monstern und lassen
ihren ganzen Hungerfrust an dem sonst doch so innig geliebten Hausgenossen aus.
Viel Stoff - von witzigen Anekdoten bis zu Zerwürfnissen katastrophalen
Ausmaßes. Nicht nur eine Lebensgemeinschaft habe ich an dem leidigen Problem zu
häufig wiederholter Schlankheitskuren zerbrechen sehen! Nicht selten endete die
Tragödie damit, daß die Katze eines Nachts Reißaus nahm und Herrchen oder
Frauchen verzweifelt zurückließ. Reue und Buße kamen dann oft zu spät, auch wenn
sie sich noch so eindrucksvoll äußerten - ich denke etwa an den jungen
Religionslehrer, der aus Verzweiflung die zwanzig Aufziehmäuse seiner Katze
verschluckte oder an die Logopädin, die sich mit dem abgebrochenen linken
Reißzahn ihres entlaufenen Katers die Pulsadern perforierte. Abgebrochen war der
Zahn übrigens aufgrund gewisser Mangelerscheinungen, die sich bei Katzen
unweigerlich einstellen, sobald die gewohnten Extrahäppchen vom wohlgefüllten
Teller ihres Menschens ausbleiben.
Soweit muß es nicht kommen! Lauft davon, wenn's euch zuviel wird, liebe Katzen,
aber kommt irgendwann auch wieder zurück. So eine Lektion wirkt oft Wunder, und
die betreffende Katze wird danach besser behandelt (sprich: verwöhnt) als je
zuvor! Empfehlenswert für Katzen, die mit 'Jo-Jo-Effektlern, also
Wiederholungstätern, zusammenleben: Sucht euch ein 'Ersatzquartier, in das ihr
jederzeit für ein paar Wochen ausweichen könnt.
Auch eine zeitweilige Flucht ist jedoch nur die letzte Notmaßnahme. Im
Normalfall hilft es schon, wenn die Katze ihrem Menschen ein gewisses Maß an
Verständnis entgegenbringt. Und so wendet sich dieser kleine Ratgeber vor allem
an Katzen, die ihrem Menschen beim Abnehmen hilfreich zur Seite stehen wollen.
Allerdings nur als liebevolle Freunde und Begleiter, wohlgemerkt! Das Büchlein
wird seine Leserinnen und Leser an keiner Stelle zum solidarischen "Mitmachen"
ermutigen. Wissenschaftliche Studien haben nämlich ergeben, daß Katzen von
Schlankheitsdiäten keinesfalls profitieren, sondern im Gegenteil schwere
gesundheitliche Schäden davontragen! Der Organismus der Katze ist nicht auf
Nahrungsentzug eingerichtet und reagiert darauf stets mit krankhaften
Erscheinungen bis hin zum gefürchteten Suppenkaspar-Syndrom ("... und war am
fünften Tage tot").
Das Phänomen der Gewichtsreduktion tritt bei Katzen folglich nur im
pathologischen Bereich in Erscheinung (siehe Melvin Tatz: Ach, wär ich eine
Maus - Identitätskrise und Magersucht bei Katzen, Mühlacker 1984), und es sei an
dieser Stelle ausdrücklich vor jeglicher Form der Nachahmung gewarnt, wie sie
einem übersteigerten Solidaritätsgefühl der Katze mit ihrem übergewichtigen
Menschen entspringen mag.