Wohl kaum ein anderer Philosoph des 18. Jahrhunderts wurde von seinen Kollegen so verunglimpft und verdammt wie der französische Philosoph und Arzt Julien Offray de La Mettrie. Voltaire warf ihm vor, "die Ketten der Tugend" zu zerstören und Diderot schimpfte ihn einen "in seinen Sitten und Anschauungen so verdorbenen Menschen" und wollte ihn deshalb "aus der Gemeinde der Philosophen" verbannen. Der Anlass zu dieser einheitlichen Verdammung seitens der französischen Philosophen war vor allem das 1747 erschienende Buch "L´homme machine" (deutsch: Der Mensch eine Maschine). Dieses Buch hat wegen seines Inhalts und der daraus gezogenen Schlussfolgerungen für einen Skandal gesorgt und La Mettrie zu einem Flüchtling und Ketzer auf Lebenszeit gemacht.
Was hat die Öffentlichkeit und die Philosophen der Aufklärung an diesem Buch gestört? Es war der konsequente Materialismus, der seine Kollegen aufregte und beunruhigte. Der Atheismus (eigentlich, wie sich gleich zeigen wird, der Agnostizismus) von La Mettrie konnte nicht der Stein des Anstoßes sein, da viele französische Philosophen mit Ausnahme von Voltaire und Rousseau selber zum Atheismus neigten. Dass aber jemand den Menschen zu einem rein körperlichen und materiellen Produkt herabwürdigte, grenzte an Majestätsbeleidigung. Im Gegensatz zu Descartes zog La Mettrie den Schluss, den er erkenntnistheoretisch und methodologisch herleitete, "dass der Mensch eine Maschine ist und dass es im ganzen Weltall nur eine Substanz gibt." In den Augen seiner Zeitgenossen war das ein Angriff auf Vernunft, Geist, Seele, Moral, Freiheit und auf die im christlichen Abendland fest verankerte radikale Unterscheidung zwischen Mensch und Tier. Auch René Descartes hatte von einer Maschine gesprochen, allerdings im Zusammenhang mit den Tieren. Der Mensch unterschied sich nach Descartes von dem Tier dadurch, dass er neben einem Körper eine unsterbliche Seele hatte, die nach dem Tod des Körpers weiterleben würde. Während also Descartes, aber auch später Kant auf dem metaphysischen Unterschied zwischen Mensch und Tier bestanden, verglich La Mettrie den Menschen gerade in seinen körperlichen, geistigen und seelischen Eigenschaften mit den Tieren und strich zwischen Mensch und Tier ständig Ähnlichkeiten heraus. Die Seele ist für La Mettrie zunächst mal ein "nichts sagender Ausdruck, von dem man keinerlei Idee hat". Anstatt auf die apriorischen Spekulationen der Theologen und Philosophen über das Wesen der Seele zu hören, sollte man nach La Mettrie die Seele im Körper des Menschen suchen und daraus a posteriori Schlussfolgerungen, auch wenn nicht mit untrüglicher Gewissheit, ziehen. Nach La Mettrie hängen der Körper und die Seele eng zusammen und man kann den Körper nicht ohne die Seele und die Seele nicht ohne den Körper denken. Als Arzt fordert er die Gelehrten dazu auf, traditionelle Begriffe wie "Seele", "Geist" oder "Bewusstsein", naturwissenschaftlich zu erforschen. Wenn La Mettrie heute leben würde, wäre er mit Sicherheit ein Anhänger der modernen Hirnforschung, die die ganzen hehren Begriffe der Philosophen und Theologen wie das "Ich" (in einem Interview im Spiegel hat der amerikanische Hirnforscher Michael Gazzaniga das "Ich" als Märchen bezeichnet!), "Seele", "Willensfreiheit", "Bewusstsein" etc. aufgrund naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und Methoden, entzaubern. Um den Menschen in seinen seelischen und emotionalen Eigenschaften besser zu verstehen, sollte der philosophische Blick auf die Tiere erweitert werden. Natürlich haben sich auch vor La Mettrie die Philosophen im Abendland mit den Tieren am Rande beschäftigt, aber meistens nur in abwertender Haltung. Alle christlichen Philosophen und Theologen stimmten darin überein, dass Tiere unter den Menschen stehen und es ihnen gegenüber keine ethische Verantwortung gibt, Descartes degradierte die Tiere zu gefühllosen und bewusstseinlosen Maschinen und für Kant, einem Zeitgenossen von La Mettrie, waren die Tiere vernunftloses Vieh, "mit denen man nach Belieben schalten und walten kann." Demgegenüber war La Mettrie einer der ersten, der auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen und den Tieren hinwies. Der Unterschied zwischen Mensch und Tier ist, wenn überhaupt vorhanden, nur ein gradueller, aber kein prinzipieller. Hundert Jahre vor Charles Darwin, der mit seiner Evolutionstheorie die gemeinsamen Ursprünge von Mensch und Tier nachwies, behauptete La Mettrie, dass der Mensch "nicht aus einem wertvolleren Lehm geschaffen (ist) als die Tiere." Für La Mettrie stehen die Tiere weder moralisch ("Die Tatsachen scheinen es zu bezeugen, der Hund, der seinen Herren gebissen hat, weil dieser ihn neckte, schien dies im nächsten Augenblick zu bereuen; wir sahen, wie er traurig und verdrossen war... und wie er sich durch unterwürfiges, demütiges Wesen schuldig bekannte.") noch geistig ("da sie uns deutlich Zeichen ihrer Intelligenz geben") unter den Menschen. Die Grausamkeit und Brutalität ist ein Zug, der in unserer Gattung liegt wie in der der Tiere. Bei den Tieren gibt es wie bei den Menschen unterschiedliche Charaktere: "Beide können mehr oder weniger grausam sein, je nach ihrem Temperament". Aus diesen richtigen Beobachtungen, die in der heutigen Verhaltensforschung und Naturwissenschaft nur bestätigt werden können, kommt La Mettrie zu einer tierethischen Forderung, die für einen Mann aus dem 18. Jahrhundert bemerkenswert ist: aus all dem folgt, "dass die Tiere, die aus derselben Materie geschaffen sind, der vielleicht nur ein bestimmter Grad der Gärung fehlt, um dem Menschen in allem gleichzukommen, an denselben Vorrechten (!) der Tierheit teilhaben müssen." Nur der Hochmut der Menschen hebt sie von den Tieren ab, in Wirklichkeit aber sind die Menschen "nur Tiere und in aufrechter Haltung dahinkriechende Maschinen."
Diese rein materialistische Betrachtungsweise von La Mettrie auf den Menschen, der dem Menschen die unsterbliche Seele weggenommen hat und sie auf die gleiche Stufe mit den Tieren stellte, war für die Philosophen ein Ärgernis, weil sie die Frage nach der Ethik aufwarf. Woher soll man ethische Handlungsweisen ableiten, in einer Welt, in der sich die Tiere von den Menschen nicht unterscheiden (und somit im Grunde alles Handeln erlaubt ist) und es keine unsterbliche Seele gibt, die in einem Jenseits eventuell zur Rechtschaffenheit für ihre Handlungen auf der Erde herangezogen werden kann? Es ist klar, dass sich der Materialist La Mettrie nicht auf Gott und Religion berufen kann, um diese Frage positiv zu beantworten. La Mettrie galt zeitlebens als bekennender Atheist. In dieser Schrift zeigt er sich aber, vielleicht aus taktischen Gründen, um seinen Widersachern nicht noch mehr zur Zielscheibe zu werden, als Agnostiker. Für die Existenz Gottes scheint ihm der höchste Grad der Wahrscheinlichkeit zu sprechen. Allerdings beweist diese Existenz eines Gottes nicht die Notwendigkeit eines religiösen Kultes, insofern handelt es sich bei Gott um eine theoretische Wahrheit, die in der irdischen "Praxis kaum von Nutzen ist." Neben dieser Möglichkeit könnte der Mensch aber auch das Produkt des Zufalls sein, der auf irgendeinen Punkt der Erdoberfläche geworfen worden ist, "ohne das man sagen kann, wie und warum." Egal wie man sich entscheidet, für das Dasein auf der Erde und die Ethik ist es vollkommen gleichgültig ob die Materie ewig ist oder ob sie von Gott geschaffen worden ist und am verdächtigsten und törichtsten sind La Mettrie die Leute, die sich wegen solcher Dinge quälen, "die wir unmöglich erkennen können und die uns nicht glücklicher machen würden, wenn wir sie ergründen könnten." Die Ethik gründet nach La Mettrie nicht im Gottesglauben und hängt nicht mit einer bestimmten Religion zusammen, im Gegenteil gibt es viele religiöse Menschen, die La Mettrie als "Ungeheuer des Christentums" bezeichnet, die "nur deshalb Gott lieben und so viele vermeintliche Tugenden annehmen, weil sie die Hölle fürchten." Nach La Mettrie braucht der Mensch keine religiösen Vorschriften, um zu wissen "was wir anderen nicht antun sollen." Stattdessen beruft sich La Mettrie auf das Naturgesetz (Kant sprach von dem moralischen Gesetz in uns), dass in jedem Menschen steckt und eine Anleitung bietet, was wir anderen nicht antun dürfen, "weil wir nicht wollen, dass man es uns selbst antut" und dass "keine Erziehung, keine Offenbarung, keinen Gesetzgeber" voraussetzt. Der Materialist La Mettrie vertritt keine inhumane Ideologie, insofern war die ganze Furcht der französischen Philosophen, La Mettrie zerstöre "die Banden der Gesellschaft" unberechtigt. Im Gegenteil erweitert der Materialismus La Mettries die ethische Verantwortung auf alle Lebewesen, denn wenn es nur eine Substanz gibt, den Körper, und wenn sich die Menschen von den Tieren kaum unterscheiden, weil es eben keine Seele als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier gibt, dann kann es keine Bevorzugung einer bestimmten Gattung auf der Erde geben: "Da der Materialist, was immer ihm seine Eitelkeit sonst auch einflüstern mag, schließlich davon überzeugt ist, dass er nur eine Maschine oder ein Tier ist, so behandelt er seinesgleichen niemals schlecht."
Es ist an der Zeit, einen verleumdeten Philosophen wieder neu zu entdecken und zu rehabilitieren. Außer der Philosophin Ursula Pia Jauch, die ein Buch über La Mettrie geschrieben hat, "Jenseits der Maschine", fällt mir kein zeitgenössischer Intellektueller ein, der dies nur im Ansatz auch nur versuchen würde.