Eugen Roth gehört zu den ewig Unterschätzten in der deutschen Lyrik. Der Grund liegt scheinbar auf der Hand, einerseits: Roths Themen entstammen dem Alltag, und seine Gedichte gehören nicht zu den formalen Experimenten des Genres. Andererseits ist es ein Rätsel, warum man ihn oft unterschätzt: Roth ist nämlich ein feiner Beobachter, der seinen Mitmenschen genau auf die Finger (oder sonstwohin) schaut, er hat einen ausgeprägten Sinn für das Groteske einer Situation ebenso wie für ihren allgemeingültigen Charakter, und trotz aller scharfen Beobachtung wird er nie boshaft, im Gegenteil: Es ist die Weisheit des kleinen Mannes, die durch diese Gedichte weht.
Die kleinen Peinlichkeiten des Alltags (z.B. ein fehlendes Taschentuch bei heftigem Niesreiz in "Hilflosigkeiten") sind ihm nicht fremd, die pragmatischen Ursprünge der Bescheidenheit ("Man wird bescheiden") ebensowenig. Die logistischen Nöte des Bücherfreunds ("Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt, / An die er lang sein Herz gehängt, / Beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren, / Eh sie kaninchenhaft sich mehren.") wiederum kann jeder bestätigen, der sich angesichts überquellender Regale fragt, ob da alles mit rechten Dingen zugeht, wenn man der Weltliteratur den Rücken zukehrt. Der tiefe Fall eines nervtötenden Besserwissers ("Der Kenner") bereitet einem ganz einfach hemmungslose Schadenfreude, schließlich kennt man die Sorte zur Genüge. Wieder ganz anders geht Roth vor, wenn er z.B. das Innenleben jemandes aufs Korn nimmt, der auf die Trambahn wartet ("Geduldsprobe"), und "Das Schnitzel" nimmt sich jener vernünftigen Lebenseinstellung an, die da die sauren Trauben für süß erklärt -- es erleichtert das Leben.
Solche Beispiele finden sich zuhauf in "Ein Mensch" -- und das macht wohl, neben den gelungenen Schlusspointen, den ganz besonderen Reiz dieser Gedichte aus: Man erkennt sich selber wieder, in jedem Gedicht, und hier darf man über sich selber lachen.