Der Fußballer Giovane Elber ist in Deutschland zu einem bekannten Mann geworden. Seine Tore, dieses Lächeln, die Sympathie der Sportfans, die ihn zum beliebtesten Ausländer aller Bundesligazeiten kürten. Den Fußballer Giovane Elber kennt fast jeder doch kennt jemand den Menschen Elber?
"Mensch, Elber!" heißt diese autorisierte Biografie, die so ungewöhnlich ist, wie kaum eine zweite zuvor aus der Welt des Sports. Mehr als zwei Jahre beispielsweise dauerte es, bis all die wenigen noch vorhandenen Fotografien aus der Kindheit gefunden waren. Stück für Stück zusammengetragen vor Ort in Londrina, der brasilianischen Heimat von Elber Giovane de Souza. Wie hat eigentlich dessen Mutter, sie heißt Dona Ceia, diesen irrwitzigen Aufstieg ihres jüngsten Sohnes erlebt? Wie lebt es sich nun im Sog des plötzlichen Reichtums? Und welchen Preis bezahlen Cintia, Elbers Ehefrau, sowie die beiden gemeinsamen Kinder für das Leben im Schatten eines Flutlichthelden?
"Mensch, Elber!" gibt Antworten auf s o viele Fragen. In diesem Buch spiegelt sich das Leben eines Fußball-Söldners in all seinen Facetten. Erfolg, Verletzungen, Luxus, Armut - und immer wieder sterben wichtige Menschen viel zu früh. Der kleine Lello als Kind auf dem Fahrrad, Elbers Bruder Tecal mit neun Jahren an Hirnhautentzündung. Adriano stirbt am Biss einer Kobra, raubt Cintia und Elber den besten Freund. Der Tod gehört zum Leben, und das Leben lässt sich nicht kaufen. Giovane Elber hat einen Wunsch: "Ich möchte, dass dieses Buch ein Geschenk für all jene ist, die mich als Fußballer kennen, und nun auch den Mensch kennenlernen wollen." Bitte schön!
MÄÄÄÄH
Nein, sie hat keinen Namen von mir gekriegt. Weil nicht alle Tiere einen Namen brauchen. Klar, Hunde brauchen einen. Damit du was rufen kannst, wenn dein Hund kommen soll. Damit die Leute wissen: Da schau her, der hat einen Hund. Ich weiß nicht, warum die Leute Hunde haben, wenn die Hunde nichts bewachen können. Das leere Haus, die Nacht, dein Fahrrad. Oder vielleicht kleine Schwestern. Und wenn Hunde bewachen sollen, dann müssen sie auch was taugen können, wenn's mal ernst wird. Nicht nur bellen, danach den Schwanz einziehen und gleich abhauen, wenn du ihnen einen Stein an die Rübe knallst. Beim Angriff angreifen, das musst du. Auch als Hund. Ich kann keine Hunde leiden, die zubeißen. Die aggressiv sind, die also das tun, weshalb sie nützlich sind. Nein, ich habe keinen Hund. Nie besessen. Ich hab was anderes: Ich hab eine Ziege. Ganz weiß, mit schwarzen Flecken überall.
Um ehrlich zu sein: Ich hab sie nur deshalb, weil mein Vater eines Tages mit der Ziege nach Hause kam. Einfach so. Ich glaube, er hat sie gewonnen. Oder von jemand abkassiert, als Lohn für irgendeine Arbeit. Ist ja auch egal. Kommst nach Hause, steht plötzlich eine Ziege vor der Haustür. "Gehört dir", sagt dein Vater. Da stellst du dich doch nicht blöd und fragst. Vor allen Dingen nicht dann, wenn du die Ziege nicht dämlich findest, sondern total genial. Ich liebe diese Stimme. Wir unterhalten uns. Und schnell, eigentlich sofort, ist klar: Die Ziege da ist keine Ziege, sondern ein junger Ziegenbock, der unheimlich auf mich steht. Ich brauche nur ein paar Meter von ihm weggehen, sofort fängt er an zu meckern. In allen Tonlagen. Hoch, tief, ganz lang, ohne Luft zu holen. Dann wieder kurze, richtig laute Dinger, rausgestoßen wie Kanonenkugeln, du siehst seine kleine, rauhe, rosafarbene Zunge. Hängt raus, als muss er gleich kotzen.
Mein Ziegenbock, ich liebe ihn.
Wir trainieren Gesang miteinander. Er lernt schnell. Verdammt schnell. So schnell, dass es jetzt Zeit wird fürs große, alles entscheidende Experiment. Ich binde ihn gegenüber von unserem Haus an der anderen Straßenseite fest, gehe wieder zurück, setze mich auf die Veranda - er kann mich nicht mehr sehen. Nie zuvor gehörte Töne schallen durch die Siedlung, einfach bockstark. Die Entscheidung ist gefallen: Da, wo er nun ist, soll er bleiben. Und wenn er ruhig wird, vielleicht um kurz Luft zu holen, oder auch weil er einfach faul ist, dann ruf ich nur kurz was rüber: "Boo-ock, booo-oook." Schon kommt er wieder in Hochform, mein Freund. Wird irgendwann ziemlich heiser, die arme Sau.
Hab doch glatt vergessen, ihm bisschen Wasser hinzustellen, neben seinem Pflock und dem kurzen Seil. Als Papa Jose nach Hause kommt, krieg ich handfesten Stress. Die Nachbarn haben gepetzt, alle anderen wohl auch. Und am nächsten Tag, ich komm gerade von der Schule und will weiter zum Japaner, ist der Ziegenbock weg. Urplötzlich. So, wie er gekommen ist. Mama sagt, Papa Jose habe ihn verkauft. Nun ja - kann man nichts machen. Und am Sonntag drauf ist bei uns großes Familienfest, bei dem auch die Nachbarn kommen. Obwohl niemand Geburtstag hat, keiner Geschenke mitbringt. Es kommt Fleisch auf den Tisch. Viel Fleisch. Ich beginne zu ahnen. Und Carlos, das Bruderschwein, guckt mich an, mit diesem verschmitzten Lächeln. Und macht plötzlich "Määäääh", dann wieder "Määäääh". Sie prusten los am Tisch, alle, ein riesiges Gelächter. Schenkel werden geklatscht, Gläser klirren, als feierten sie den Sieg der Messer über die Kunst des Meckerns.
Ich esse weiter. Jeder Bissen ein Triumph. Bis nichts mehr auf dem Teller liegt.