Die Zusammenstellung der dritten ("Schottische") und vierten ("Italienische") Sinfonie von Mendelssohn bietet sich einfach an - ihre Länge ist für eine CD perfekt, sie sind beide in sich formal geschlossen, extrem beliebt und die Beinamen einprägsam. Musikalisch bietet die überschwängliche vierte einen großartigen Kontrast zur etwas herb-melancholischen dritten Sinfonie. Deshalb gibt es gerade diese Kombination auch dutzendfach.
Auf dieser CD ist allerdings zusätzlich die Ouvertüre "Die Hebriden" enthalten, Mendelssohns erstes von Schottland inspiriertes Werk, das wie ein Vorspiel perfekt zur dritten Sinfonie passt. Das hat diese Veröffentlichung der ebenfalls in der Reihe "Originals" veröffentlichten Version der beiden Sinfonien mit dem London Symphony Orchestra unter
Claudio Abbado voraus, die ich im übrigen aber vorziehen würde:
Mendelssohn war ein Meister der Stimmungen und Klangfarben, was man gerade bei den hier versammelten Werken exemplarisch merkt: Niemand hat das Licht, die Stimmung, die Atmosphäre der schottischen Highlands bzw. der vorgelagerten Inseln einerseits, die Eindrücke der italienischen Landschaften andererseits so treffend und unverwechselbar eingefangen wie er, ohne einfach zum Landschaftsmaler zu werden wie etwa Richard Strauss in seiner Alpensinfonie.
Ein wesentliches Element von Mendelssohns Musik ist auch die Transparenz: Der gelernte Geiger ist berüchtigt dafür, auch in Nebenstimmen Höchstschwierigkeiten zu verlangen, ohne das man diese im Gesamtklang verstecken könnte.
Und genau hier liegt das Problem dieser Aufnahmen:
Herbert von Karajans Klangideal, das er in seiner jahrzehntelangen Arbeit mit den Berliner Philharmonikern vervollkommnet hatte, zielte auf einen vollen, weichen, warmen Ton, dominiert von den tiefen Streichern. Keiner konnte wie er einen festlichen, feierlichen, triumphalen Klang erzeugen. Dieser Klang sollte einfach da sein, ohne Anlauf und Erzeugungs- und Nebengeräusche, was aber zu Lasten der Flexibilität und Klarheit der Artikulation ging - ab einem bestimmten Tempo lassen sich bei einem Streichinstrument Bogengeräusche nun einmal nicht vermeiden, wenn man noch präzise spielen will.
Karajan war damit ein idealer Interpret für Richard Strauss, hat auch Beethoven, Schumann und Brahms eindrucksvoll aufgeführt. An Mendelssohn aber geht sein Ansatz vorbei:
Der verschattete Grundton der Dritten, der Detailreichtum der Instrumentation, die wichtigen Nebenstimmen, auch die Aggressivität und Schärfe gerade beider Schlusssätze, das alles ist bei Abbado exemplarisch herausgearbeitet. Bei Karajan herrscht - übertragen - überall Sonnenschein. Und der passt allenfalls zum ersten und dritten Satz der Italienischen.
Auch wenn also bei Abbado die Ouvertüre fehlt, bleibt seine Einspielung klar der Favorit - wenn man nicht gleich zu
Sir Roger Norringtons Neueinspielung der beiden Sinfonien mit dem RSO Stuttgart greifen will, die noch klarer, transparenter, radikaler, wenn auch nicht so atmosphärisch dicht ist wie die bis heute exemplarische Interpretation seines italienischen Kollegen.