Obwohl diese Aufnahme des Oratoriums „Elias" nicht zu den jüngsten zählt, gehört sie für mich doch zu den besten. Am meisten ist das den erfrischenden, oft zügigen Tempi Wolfgang Sawallischs zu danken. Sie geben dem Werk eine wunderbare Dramatik, und Sawallisch gelangt damit auch zu einer wenig sentimentalen Interpretation, zu der man bei Mendelssohn sonst nur allzu leicht neigt.
Phänomenal finde ich die Leistung des Leipziger Rundfunkchores. Man hört ihn lyrisch in Chören wie „Wohl dem, der den Herrn fürchtet", dramatisch verzweifelt in „Aber der Herr sieht es nicht", rasend vor Wut in „Wehe ihm, er muß sterben". Er wird zum Gegenspieler des Elias in der Opferszene, zum Prediger, zum Engelchor, zum Verkünder des Messias am Schluß des Oratoriums. Aber am meisten beeindruckt nicht die Lebendigkeit, sondern die Textverständlichkeit. Wie oft ist eine Opern- oder Oratorien-Einspielung nur der halbe Genuß, weil man ohne Textbuch gar nicht versteht, worum es geht... Von der Komposition her finde ich den Chor „Fürchte dich nicht" am Beginn des zweiten Teils am wichtigsten. Er wirkt durch die Sopranarie vorher („Ich, ich bin euer Tröster") besonders zuversichtlich. In diesem Chor spürt man tiefste religiöse Überzeugung, ein „Ist Gott für mich, wer mag wider mich sein?". Und ich bin überzeugt, man kann aus diesem Chor Kraft schöpfen, wenn man einmal selbst verzweifelt oder ratlos ist.
Theo Adam (ohne das große Vibrato seiner Altersperiode) verleiht der Figur des Elias große Überzeugungskraft, er kommt sehr sebstbewußt daher, läßt aber auch die tiefe Resignation vor Gott erkennen, als ihm im zweiten Oratorienteil die Vergeblichkeit seines Tuns bewußt wird („Es ist genug"). Sehr beeindruckend sind auch die von Elly Ameling vorgetragenen Szenen. Ihr klarer Sopran verleiht der Arie „Höre, Israel" eine unübertroffene Wirkung. Durch sie erlebt der Hörer das prophetische Mahnen ebenso hautnah wie die stolze Gewißheit, aus Gottes Schutz alle Kraft schöpfen zu können, die nötig ist. Auch die Szene der Witwe („Was hast du an mir getan") wird durch Elly Ameling zu einem einmaligen Erlebnis. Die Dramatik dieser Szene, die Trauer und Verzweiflung der Witwe über den Tod des Sohnes, die Entrüstung, als sie an einen schlechten Scherz des Propheten glaubt („Wirst du denn unter den Toten Wunder tun? Werden die Gestorbnen aufstehn und dir danken?") und endlich die Erleichterung und Dankbarkeit, als das Wunder wahr wird - alles das läßt die Sopranistin bildhaft werden.
Diese Bildhaftigkeit ist auch die herausragendste Eigenschaft der Philips-Einspielung. Mendelssohn wäre mit dieser Interpretation sicher sehr zufrieden, denn in seinem Briefwechsel mit dem Librettisten Julius Schubring fand ich die Passage: „Bei einem solchen Gegenstand wie Elias [müssen] die Leute lebendig redend und handelnd eingeführt werden, nicht aber, um Gotteswillen, ein Tongemälde daraus entstehen, sondern eine recht anschauliche Welt, wie sie im alten Testamente in jedem Kapitel steht..."(Brief vom 6.12.1838) Apropos Julius Schubring: In diesem Zusammenhang habe ich doch auch eine Kritik an dieser ansonsten perfekten CD-Edition anzubringen: Das Booklet steht hinter der musikalischen Qualität leider zurück. Obwohl es wohl 1993 neu ediert wurde, ist die alte Annahme noch vertreten, die Idee, die Anregung zu diesem Stoff stamme von Julius Schubring. Es stimmt zwar, daß Schubring am Libretto mitgearbeitet hat, aber die Idee hatte Mendelssohn schon viel früher, als von dem „Birmingham Music Festival" 1846 noch gar keine Rede war. Bereits 1837 verfaßte Mendelssohn mit seinem Freund Karl Klingemann in London einen Entwurf für den Elias, der bereits alle wichtigen Szenen und die dazu passenden Bibelstellen enthielt. Es gab jedoch bei der Ausarbeitung Schwierigkeiten: Klingemann war dienstlich zu sehr beansprucht, und Schubring verstand nicht, warum Mendelssohn so viel Dramatik in seinem Oratorium wollte. Er hätte viel lieber ein „Tongemälde" gehabt, wie es Mendelssohn in seinem oben zitierten Brief kategorisch ablehnt. Somit konnte das Oratorium nicht begonnen werden. Erst durch den Auftrag aus Birmingham griff Mendelssohn den alten Plan wieder auf, durch den Termindruck mit erstaunlicher Vehemenz - und das ist natürlich ein Glück, da er bereits 1847, also ein Jahr nach der Fertigstellung der ersten Fassung, starb. Das Oratorium wäre vielleicht ohne Birmingham nie geschrieben worden - und es hätte auch diese wundervolle Einspielung nicht gegeben.