Felix Mendelssohn Bartholdy gilt neben Robert Schumann als einer der wichtigsten Erneuerer der (Instrumental)Musik in der Frühromantik. Denn nach der Wiener Klassik, in Anbetracht des immensen beethovenschen Erbes zogen sich viele Komponisten zurück. In der Musikwelt herrschte das Virtuosentum, auch die Oper blühte. Neue Sinfonien zu schreiben und diese gar noch zu veröffentlichen, trauten sich nur die Wenigsten.
Dennoch wagte sich Mendelssohn heran an diese Königsgattung, machte den Umweg über etwas ein Dutzend Streichersinfonien, die vom Stil her eher Haydn und Mozart verpflichtet waren.
Auch seine erste Sinfonie in c moll op. 11 orientiert sich noch an den großen klassischen Vorbildern. Im Gegensatz zu seinen meisten anderen Kompositionen handelt es sich bei diesem Frühwerk auch um absolute Musik ohne tiefere Aussage. Die Sinfonie ist stürmisch, wild und ungezügelt, findet nur im Andante des zweiten Satzes kurz zur Ruhe. Mendelssohn setzt stark auf Dynamik. Als Tanzsatz wählt er ein althergebrachtes Menuett und verarbeitet es zu einem ambitionierten Charakterstück.
Neben seinen Verdiensten als Erneuerer der Romantik war Mendelssohn auch derjenige Dirigent, der die Bach und Händel Renaissance einleitete. Zeitlebens war er gläubig und dieses Gottvertrauen ließ er auch in zahlreiche seiner Kompositionen einfließen. Seine zweite Sinfonie in B Dur op. 52 mit dem Beinamen "Lobgesang" ist die erste Sinfoniekantate der Musikgeschichte. Was Beethoven in seiner monumentalen neunten Sinfonie eröffnet hatte, führte Mendelssohn eindrucksvoll fort. Freilich ist das Stück sperrig und wird vor allem aufgrund seiner Überlänge heute nur selten aufgeführt. Dennoch aber hat die zehnteilige Sinfonie durchaus ihre Momente, beispielsweise wenn Chor und Solisten in den finalen Lobgesang einstimmen und das Werk majestätisch verklingt.
Ebenso religiös konnotiert ist seine fünfte Sinfonie in D Dur, die sogenannte "Reformationssinfonie". Mendelssohn Bartholdy schrieb das Werk eigentlich vor der dritten und der vierten Sinfonie, da er es aber für misslungen hielt, veröffentlichte er es erst viel später unter op. 107, nachdem er es gründlich überarbeitet hatte. Was dabei heraus kam, ist eines der positivsten, strahlendsten Stücke des Komponisten. In keinem Satz trübt sich die Stimmung, im Finale steigert sie sich sogar ins Hehre. Auch wenn Mendelssohn das Werk eigentlich mit Schlusschor konzipiert hatte, so wird der heute in aller Regel weggelassen - und so auch in der vorliegenden Einspielung.
Seine beiden letzten Sinfonien sind von programmatischem Charakter. Pate stand hier freilich Beethovens Pastorale, eines der am heftigsten diskutierten Werke in der Romantik. Zwei ausgedehntere Studienreisen unternahm Mendelssohn: eine nach Schottland, die andere nach Italien. So entstand zunächst seine dritte Sinfonie in a moll op. 56, die "Schottische", die heute zu seinen beliebtesten Werken zählt. Die Gründe dafür sind mannigfach: die düstere, herbe Stimmung der langsamen Einleitung, das leidenschaftliche Pathos des Kopfsatzes, das tiefsinnige Adagio oder das phänomenale Finale, das zunächst wieder herb beginnt, sich dann ins Freundliche wandelt und schließlich majestätisch und erhaben verklingt.
Eines seiner spritzigsten Werke ist die Sinfonie Nr. 4 in A Dur op. 90, die den Beinamen "Italienische" trägt. Vor allem der erste Satz berauscht in seiner steten Präsenz und seinem melodiösen Reichtum. Die beiden mittleren Sätze sind lieblich und mäßig langsam. Erst im Finale in a moll - eines der wenigen Mollfinals eines Werkes in einer Durtonart - zelebriert der Tonsetzer einen feurigen, beinahe teuflischen Saltarello mit dem Hörer.
Neben den Sinfonien sind auf diesem Box Set noch sieben Ouvertüren versammelt. Eines der gewichtigsten kammermusikalischen Werke Felix Mendelssohns ist ohne Frage sein Oktett op. 20. Das Scherzo hieraus orchestrierte er und gab es als alternativen dritten Satz für seine erste Sinfonie an. Auch dieser Satz ist elanvoll und voller Esprit.
Die Konzertouvertüre zu Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" op. 21 ist ein virtuoses Stück, das keine Ruhe zu kennen scheint. Allerdings stellt sich dann die Frage, ob diese Musik tatsächlich geeignet ist, um das gemessene Schauspiel zu untermalen.
Die Ouvertüre für Blasinstrumente op. 24 ist ein pastoral angehauchtes Charakterstück, ohne größere Schwierigkeiten.
Die bekannteste und beste Ouvertüre des deutschen Komponisten ist ohne Frage die "Hebriden" Ouvertüre op. 26, gelegentlich auch als "Die Fingalshöhle" bezeichnet. Man fühlt sich direkt hinein versetzt in eine der vielen Grotten der Hebriden, denn die Musik ist zunächst dunkel und zurückhaltend, um dann in ein jubelndes Finale zu münden.
"Meeresstille und glückliche Fahrt" op. 27 war von jeher ein beliebtes Motiv bei den verschiedensten Komponisten. Keiner aber setzte es derart gehaltreich und vielgestaltig um wie Felix Mendelssohn.
Eine weitere Konzertouvertüre schrieb er zum "Märchen von der schönen Melusine" op. 32, ein verkanntes Meisterwerk, das voller Witz und Anmut steckt.
Ohne größeren außermusikalischen Bezug steht die sogenannten "Trompeten Ouvertüre" op. 101, deren Höhepunkte durch die Blechbläser dominiert werden.
Als Zugabe gibt's "Ruy Blas" op. 95, ein pittoreskes Charakterstück, das insbesondere durch seine feine Instrumentierung besticht.
Die Einspielung des London Symphony Orchestras unter der Leitung des großartigen Claudio Abbado ist mitreißend, packend, nuancenreich und farbig. Das Orchester spielt perfekt. Wie gewohnt wählt der Dirigent flotte Tempi. Durch seine scharfe Akzentuierung aber erscheint nichts überzogen, alles wirkt flüssig und zwingend. Die perfekte gesangliche Leistung von Solisten und Chor - gepaart mit einer herausragenden Aufnahmequalität - setzen diesem Schatz das i Tüpfelchen auf.