Bevor ich meine Rezension beginne, möchte ich alle Leser darauf hinweisen, dass ich zu jenen Musikhörern gehöre, die sich sowohl im Mainstream als auch im Indie-Bereich (Death Cab for Cutie, Killers, Arctic Monkeys, Damien Rice) zu Hause fühlen. Ich habe mich bis dato immer geweigert, mich zu einem der beiden Lager ganz zu bekennen. Das wird besonders dann deutlich, wenn ich meine beiden Lieblings-Acts nenne - Tori Amos und Mariah Carey. Unterschiedlicher geht es kaum. Dennoch - Mariah Carey gehört seit meinem 11. Lebensjahr zu meinen absoluten Favourites. Ich habe lange gebraucht, um mich an ihre Hip Hop-lastige Musik seit 1997 zu gewöhnen. Mittlerweile gehört "Butterfly" zu meinen absoluten Lieblingsalben von ihr - vor allem wegen der Liedtexte! Umso erfreuter war ich, als ich das Booklet von "Memoirs of an imperfect angel" aufschlug und auf eine ähliche lyrische Brillanz traf. Mariah ist sicherlich keine Tori - aber sie verfügt über ein sehr gesundes Maß an Selbstironie! So ehrlich wie auf diesem Album war sie sicherlich auch schon lange nicht mehr. Lieder wie "Up out my face", "Obsessed" oder "It's a wrap" sprechen eine deutliche und unverschörkelte Sprache: "When it's gone, it's gone!" (It's a wrap) oder "When I break, I break boy" (Up out my face) - dem ist nichts mehr hinzuzufügen! In "Betcha gon' know" offenbart uns die Diva dagegen ihre bisher eher verborgene Ader für echtes Storytelling. Besonders persönlich wird es in den Liedern "Languishing" und "H.A.T.E.U.", die so auch von einer Mary J. Blige stammen könnten. Sowieso klang die Carey lange nicht mehr so relaxt und so im R&B verhaftet, wie auf diesem Album. Die bisweilen nervenden Gastauftritte des ach so aktuellen Rappers der US-Musikszene, die auf ihren letzten Alben die Regel waren, fallen diesmal genauso weg, wie triefende Duette mit Westlife und Co. Dafür gibt es Mariah pur! Ihre Stimme hat sicherlich einiges an Volumen eingebüßt. Trotzdem hat sie lange nicht mehr so gut geklungen. Wenig bis gar kein Gesäusel - kein Hin und Her Springen zwischen ihren unzähligen Oktaven! Dafür gibt es kräftigen Gesang in vornehmlich tieferer Stimmlage, hier und da etwas Flötenregister, das sich gekonnt in die Melodieführung der Lieder intergriert (H.A.T.E.U.) und hin und wieder sogar richig langgezogenen Töne (Angels's cry, I want to know what love is), wie man das von ihr seit "Without you" so schmerzlich vermisst hat. Dank Knoten auf den Stimmbändern wird die Carey wohl nie wieder zu ihrer alten Brillanz zurückkehren. Sie singt aber immer noch besser als der Großteil ihrer Kollegen. Außerdem merkt man, dass die Dame nach wir vor Freude am Singen und Komponieren hat. Sie klang schon lange nicht mehr so gut wie auf diesem Album! Die Stimme, die Stimmigkeit der einzelnen Lieder sowie die Texte - alles passt! Einzig die ewig im R&B verwendeten Fingersnapps und der Einsatz von Autotune hätten weggelassen werden können.
Fazit: Mariah Carey hat seit "Emacipation of Mimi" bewiesen, dass noch lange mit ihr zu rechnen sein wird. Dieses Album verzichtet im Gegensatz zum Vorgänger "E=MC2" jedoch auf allzu starke Zugeständnisse an die aktuelle Chartlandschaft und besinnt sich stattdessen auf den R&B der 90er mit einigen modernen Anleihen. Sicherlich ist nicht alles Gold, was glänzt, aber der Großteil der Lieder wieß zu überzeugen. Fans von Mando Diao, Kings of Leon oder Muse sollten sicherlich besser die Finger von dieser waschechten R&B-Perle lassen, es sei denn, sie fühlen sie wie ich in beiden Lagern zu Hause;-)
Anspieltipps: "Betcha gon' know, Up out my face, H.A.T.E.U, It's a wrap, Languishing, I want to know what love is