Audiobook-Rezensionen
Bis er auf unkonventionelle Weise Anne kennen lernt und sich daraus eine weniger unkonventionelle Liebesgeschichte entwickelt. Zu seiner Kristallisation, heute auch Flash genannt, zählen ein vergeigter Antrittsbesuch beim Vater Annes, aufwändiges ihr Hinterherlaufen, das selbstverständlich als solches nicht zu erkennen sein darf, lächerliche Eifersuchtsszenen und in Prag dann "das Fühlen, wie lehr sein Leben ohne sie wäre".
Frédéric Beigbeder, bekannt durch seinen Roman "39,90", in dem er kritisch mit der Werbebranche abrechnet, präsentiert mit seinem ersten Roman Lesung, Spieldauer: ca. 104 Minuten, 2 CD. Mit Booklet.
-- culture.text -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Neue Zürcher Zeitung
Frédéric Beigbeder als böser Junge
Die «Memoiren eines Sohnes aus schlechtem Hause» sind Frédéric Beigbeders Romandébut von 1990, aber es wäre abenteuerlich, hier eine Art maskulinen Gegenentwurf zum ersten Memoirenband der Beauvoir ausmachen zu wollen. Tatsächlich liegt im Titel schon ein Bluff vor, und weitere sollen folgen. Mit seinem Gedankenfreund Houellebecq verbindet Beigbeder etwas, was man als postmodernen Feierabend-Existenzialismus bezeichnen könnte, wozu die stilisierte Wahrnehmung von Lifestyle-Angeboten ebenso gehört wie der Frust, wenn man zu den grossen Events eben doch nicht eingeladen wird. Wirklich wichtig ist das nicht. Alles gerinnt zur Attitüde, Nihilismus ist nur eine Pose, anything flows.
Der Jargon macht die Musik: Es ist vielleicht nicht schön, auf der Welt zu sein, aber richtig schlecht ist es auch nicht, denn immerhin gibt es ja die hedonistische Angebotspalette, die dem eigenen Narzissmus ein paar wohlfeile Häppchen liefert. «Er verliebte sich an geraden Tagen und wollte an ungeraden sterben.» Das ist keine neue Werther-Romantik. Der sich selbst als «Libertin» feiernde Protagonist kann menschliche Nähe überhaupt nicht zulassen. Das Zusammenleben mit einer Frau degradiert er, frei nach Baudrillard, zu einer «umfassenden Simulation». Das hat die Postmoderne freilich nicht verdient.
Gott sei Dank weht ihm der Wind auch mal ins Gesicht, das macht ihn dem Leser erträglich. Bei einem Essen beim Vater seiner Freundin Anne soll es Marc Marc Marronnier nämlich: Beigbeders Alter Ego, so auch im Roman «39,90» (NZZ vom 22. 5. 01 mit ehemaligen 68ern zu tun haben, und gerade von ihnen, von der eigenen Vatergeneration, wird er als langweiliges Bürgersöhnchen geoutet. Spontan empfindet der Leser eine fast anachronistische Sympathie für die, die einst lieber mit Sartre irren, als mit Aron Recht haben wollten. Es ist eben auch die notorisch apolitische Grundhaltung, jenes allenfalls Sich-Mokieren über den Lauf der Geschichte und die schnöde Evaluierung des eigenen Ichs, eigener Begehrlichkeiten, die Beigbeders Protagonisten auf bald peinliche Weise randständig und so uncool erscheinen lassen mögen ihre «Interventionen» zeitweise noch so selbstironisch ummäntelt sein.
Hier könnte ein interessanter Unterschied zu Houellebecq markiert werden, der bei allen Ähnlichkeiten zu Beigbeder seinen Helden immerhin ein wenn auch diffuses und stellenweise höchst bedenkliches politisches Weltbild mit auf den Weg gibt. Daran könnte man sich wenigstens reiben. Hier ist das kaum möglich. Für Beigbeders Figuren ist Politik eine Farce, das persönliche Heil allein von Wichtigkeit: «Es war die Rede vom Ende der Geschichte. Meine kam wieder in Gang.» Und die scheint allemal interessanter zu sein: Die sich abzeichnenden Umwälzungen beispielsweise in Prag werden vom Auto aus betrachtet und als «geil» empfunden. Und sowieso, ob Prag, Wien oder Venedig: Die Bälle oder Partys, auf denen Marc Marronnier auftaucht (er verschafft sich natürlich nur illegal den Zutritt), werden von ihm zum Anlass genommen, einen schnoddrigen Abgesang auf die elitäre Dekadenz einer Gesellschaft anzustimmen, deren Umgebung er dennoch schamlos goutiert. So wird die «Rache» des Underdogs tatsächlich zur unfreiwilligen Simulation: Die Weise, wie er sich dort daneben benimmt, verhält sich umgekehrt proportional zu der Koketterie, mit der er aufbegehrt.
Vielleicht darf man von diesem kleinen Romandébut aber auch nicht zu viel erwarten. Zu erkennen ist die Beigbeder'sche Masche, die sich durch seine weiteren Bücher zieht. Der Mann ist ein Spieler, ein Bluffer. Richtig böse sind seine Tricks jedenfalls nicht. Er greift sich ein paar zeitgeistrelevante Versatzstücke, mischt sie auf und wirft sie dem Leser rotzig zum Frass vor. Selbst für eingefleischte Spielernaturen ist das aber auf die Dauer zu wenig.
Thomas Laux