Mit einer barocken Bilderfülle, die in einer für mich anfangs verwirrende Weise die Ebenen von Traum, Erinnerung und realem Geschehen ineinander schiebt, erzählt Sahar Khalifa die Geschichte einer unterdrückten, nein, einer unfreien Frau. Was ist der Unterschied? Eine unterdrückte Frau wäre ohne Unterdrücker nicht unterdrückt, sie hat irgend einen oder irgend etwas, der oder das an allem Schuld ist. Eine unfreie Frau mag vielleicht einmal unterdrückt worden sein, aber zuletzt liegt ihre Freiheit in ihren eigenen Händen und hängt von niemandem Anderen mehr ab. So ist der erste Schritt der Heldin zur Selbstbestimmung, sich nicht mehr nur als unterdrückt und als Opfer, sondern als unfrei zu erkennen. Und dann den zweiten Schritt zu wagen, im leeren, durch keine Normen vorstrukturierten Raum einer unbekannten Zukunft gegenüber zu treten.
Das ist ein autobiografisches Moment der Erzählung: die Autorin selbst hat nach 13 Jahren eine viel zu jung ihr zugefügte Eheödnis beendet, hat Literatur studiert und leitet nun ein Frauenzentrum in Palästina. Handelt es sich also um ein feministisches Buch gegen die Unterdrückung durch den Mann? Nein. Niemand ist frei und glücklich in diesem Buch, alle sind verstümmelt durch dieselben Strukturen. Der Mann hat zwar Vorteile, denn er ist körperlich stärker, hat die Verfügungsgewalt über das öffentliche Leben und kann sich leichter in Liebschaften flüchten, aber überlegen ist er nicht. Innerhalb der Ehe kennt jeder das Mittel, dem Anderen die Hölle zu bereiten, und den Gewaltausbrüchen des Mannes entsprechen die vernichtende Wirkung der Kälte und des Totschweigens durch die Frau.
Patriarchat heißt nicht die falsche Machtverteilung in der richtigen Welt, in der man nur "oben" sein müsste, um sich wohl zu fühlen, sondern Patriarchat heißt hier viel grundsätzlicher die falsche Wirklichkeit, in der eine völlig abstrakte angebliche Realität mit dem Zwang ihrer Normen alles erdrückt, was mit Seele zu tun hat. Träume, Liebe, Leidenschaft, Hoffnungen, Sinnlichkeit, Farben... das Leben eben gelten als "verrückt" und die echte Begegnung mit anderen Menschen wird als "schamlos" verwehrt. Gefühle werden zwar in Gedichten besungen, aber die "Realität" verlangt "Vernunft" und Vernunft heißt, kein Herz zu haben, sondern blind und ergeben den ausgetretenen Pfaden der Vorfahren zu folgen, dem "Schicksal", wie das bei denen heißt, die es sich nicht anders vorstellen können.
Die Dominanz des Mannes zeigt sich in diesem Kontext vom ersten Moment an als entfremdet und lächerlich, schon bei den mit scharfem Spott geschilderten Feierlichkeiten um die Geburt eines Jungen. Es weckt Widerwillen mit anzusehen, wie die Protagonistin, ein lebendiges und musisch begabtes Kind, zuletzt als nicht mehr junge Frau eines gebrochenen Eheungeheuers nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, und es ist bewegend zu erleben, wie die erloschen geglaubte Flamme diese erstickende "Realität" dann doch noch überwindet und zu leuchten beginnt...