Die sonnenbeschienene Wand im Wohnzimmer der Chronistin löst sich von Zeit zu Zeit einfach auf und sie geht hindurch in die andere Welt. Die Welt hinter der Wand ist wie ein Spiegel der äußeren Ereignisse, manchmal auch eine Verbindung zu ihren Erinnerungen oder ein Bild ihrer eigenen Intuition. Während draußen die Zerstörung, die Unordnung, immer schlimmer wird, wird die Chronistin hinter der Wand ebenfalls mit sinnloser Verwüstung konfrontiert. Sie sieht es als ihre Verpflichtung an zu säubern was verschmutzt wurde und zu flicken was zerrissen ist, aber das Ausmaß der Zerstörung wird immer größer und es sind so viele Räume hinter der Wand, so viel zu ordnen, viel zu viel.
Als die junge Emily immer mehr in Konflikt gerät mit sich selbst und mit der Rolle, die sie sich in der neu entstehenden Gesellschaft schaffen muss, zeigt die Wand mögliche Szenen aus Emilys Kindheit, Szenen die helfen ihr jetziges Verhalten zu verstehen.
Die geheimnisvolle Welt hinter der Wand gibt der Chronistin Rätsel auf, stellt ihr Aufgaben und nährt in ihr auch eine Hoffnung für die Zukunft, vor allem Emilys Zukunft.
Ich kann dieses kleine Buch mit gerade mal 223 Seiten jedem empfehlen. Doris Lessing schreibt sehr flüssig, verfällt aber mitten in scheinbar einfachen Beschreibungen ins Philosophieren um vom Hundertsten ins Tausende zu gelangen und das alles in diesem "Tagebuchton". Obwohl sie als Erzählerin eine einzelne Person ist schreibt sie sehr oft von "wir" und "uns" womit ihre Beobachtungen quasi in ein Allgemeingut verwandelt werden.
Wer in einem Buch reine Entspannung sucht wird enttäuscht sein - es zwingt einen zum Nachdenken.
Nachdenken über das eigene Verhalten, das Verhältnis der Generationen zueinander und warum das alles wohl so ist.
Aber das ist ja nichts schlechtes, oder?