Jamiri findet offenbar, dass Bill Wattersons "Calvin & Hobbes"-Comics eine wahrhaft göttliche Lektüre sind (S. 14), trägt T-Shirts mit dem Schriftzug der Band "Danzig" (S. 25 und 44), weiß, dass das grammatikalische Geschlecht des Wortes "Abscheu" weiblich ist (21) und liest augenscheinlich nicht nur "Die Krabbe mit den goldenen Scheren", sondern auch Bücher, die schon viel zu lange auf meiner amazon-Wunschliste stehen. Außerdem bekommen dann noch Sascha Lobo und Ingo Lenßen ihr Fett weg. Mit anderen Worten: What's not to like?
Vom seligen Hanns Dieter Hüsch, den ich stets sehr geschätzt habe, gibt es eine Sammlung mit Erzählungen, die den vielsagenden Titel "Sie müssen bei uns im Schrank gesessen haben" trägt. Tatsächlich habe ich immer wieder den Eindruck gewonnen, dass Hüsch in punkto Beobachtungsgabe seinem ungleich bekannteren großen Kollegen Loriot in nichts nachgestanden hat. Die Charaktere, die Hüschs Schilderungen aus dem Alltag am Niederrhein Alltag bevölkern, ähneln auf frappierende Weise den Menschen, unter denen ich groß geworden bin. Die laut Hüsch typisch niederrheinische Begrüßung gegenüber jemandem, der Jahre in der Fremde verbracht haben kann, kenne ich z. B. aus eigenem Erleben. Wenn man Hüsch Glauben schenken möchte, besteht sie so sicher wie das Amen in der Kirche aus folgender Frage: "Weißte, wer jestorben is'!?" Ich brauche Hüsch das nicht zu glauben, weil ich weiß, dass er Recht hat.
Und wie komme ich darauf?
In der Küche, in der ich diese Zeilen tippe, gibt es keinen Schrank; schon gar keinen, der groß genug wäre, als dass sich darin jemand verstecken könnte. Es gibt also zwei Möglichkeiten: Die Leute, die neulich gegenüber eingezogen sind und die denken, ich wüsste nicht, dass sie mich heimlich mit einem Fernglas beobachten, verfügen außerdem über ein leistungsstarkes Richtmikrofon. Die andere, etwas weniger beunruhigende Erklärung lautet schlicht, dass Jamiri in seinen Büchern Universalien des menschlichen Zusammenlebens beschreibt. Obwohl - ist es für uns, die wir doch immer so individuell und unverwechselbar sein möchten, wirklich weniger beunruhigend zu wissen, dass es anderswo offenbar genauso zugeht wie bei uns daheim? Dass die Ehefrau Grimassen schneidet und sich über uns lustig macht, während wir die Feinheiten der deutschen Sprache zu erklären versuchen? Zu wissen, dass wir mit unseren Autoritätsproblemen bei der Hundeerziehung nicht allein dastehen, hat allerdings schon wieder etwas Tröstliches.
Wenn der Alltag zu banal zu werden droht, bleibt ja immer noch die Flucht in Phantasiewelten und ins alter ego - im Fall von Jan-Michael Richters literarischem Ich "Jamiri" ist das "Space-Jamiri", den man sich als erwachsenen Bruder von Spaceman Spiff vorstellen muss, in den der eingangs erwähnte Calvin sich immer mal wieder verwandelt, um aufregende Weltraum-Abenteuer zu erleben. Wie Spaceman Spiff eignet sich natürlich auch Space-Jamiri nicht für weibliche Leser - "zu kalt, zu technisch" sei wahrscheinlich "dieses ganze Science-Fiction-Sujet", räsonniert der Flaschenbier trinkende, "mäßig originelle Held" auf seiner jüngsten Reise durch die Nebel von Bakh-Tarr, bevor dann Brückenoffizier Mäuselbacher (TM!) endlich sein Spacefresschen bekommt und mit steinerweichendem Hundeblick alle vorangegangenen Überlegungen ad absurdum führt.
Im Mittelpunkt von Jamiris im Klappentext zu Recht als intelligent pointiert beschriebenen anekdotenhaften Geschichten in "Memme Fatale" (ist nicht allein der Titel schon großartig?) steht das Thema Kommunikation in all seinen Spielarten von face-to-face bis facebook. Immer wieder habe ich - und dabei ertappe ich mich selten genug - beim Lesen laut gelacht ob der Schnittmenge von Jamiris Panels und dem eigenen Alltag: "Ich glaube immer noch, ich könnte das ganze Raum-Zeit-Kontinuum durcheinanderbringen, wenn ich mich weigern würde, den Müll runterzubringen. Wir würden übergangslos in ein Paralleluniversum switchen!" So ähnliche Aussprüche gibt's bei uns am Küchentisch auch. Und die Reaktionen darauf fallen auch ganz ähnlich aus wie in Jamiris kurzer Szene "Theorem 3".
Ob die Leute, die gegenüber eingezogen sind, vielleicht doch ... ?
R e s ü m e e
"Memme Fatale" ist der zweite Band von Jamiri, der Platz im heimischen Regal gefunden hat - und sicher nicht der letzte. "Arsenicum Album" fand ich schon klasse, "Memme Fatale" gefällt mir mindestens genauso gut. Jamiri ist für mich gewissermaßen der Marunde der Generation facebook - anders gesagt: Jemand, in dessen Arbeiten sich ein guter Blick fürs Absurde mit einem Sinn für trockene Pointen und hohem handwerklichen Können paart. Den im Verlag Edition 52 erschienen Hardcover-Band kann ich deshalb nur wärmstens zum Kauf empfehlen - mein Rat lautet: Zuschlagen, bevor auch dieser Band wieder vergriffen ist.