Ich war mir eine ganze Zeit beim lesen nicht sicher, was für ein Buch ich hier vor mir habe. Interviews von Sarah Monette hatten mich irgendwie darauf eingestellt, etwas - nicht unbedingt Tiefgründiges - aber "worth while" zu finden. Etwas, das mich mitreißt oder fasziniert oder nicht mehr loslässt. Ich kann nicht sagen, dass sie in irgendeinem Punkt Erfolg hatte, obwohl es kein schlechtes Buch ist. Das Problem, das es hat, resultiert direkt aus Sarah Monettes Charakter selbst, die einen PhD hat, aber beruhigt, dass man das in ihren Werken nicht merkt, die Listen aufstellt, welche Klischees sie hoffentlich niemals in ihren Büchern begehen wird, und die keine "reale" Literatur scheiben möchte.
Was das übertragen auf das Buch heißt: es will nicht tiefgründig sein, aber auch nicht dumm, es möchte unterhalten, aber es will nicht in die Fußstapfen anderer Fantasy-Autoren treten müssen. Während all das möglich ist, und es Autoren gibt, die das UND ein fantastisches Buch geschrieben haben - bei Monette wirkt es, als würde an ihr von zwei Seiten gezogen, und sie könne sich für keine entscheiden. Hier im Detail, was ich meine:
1. Der Plot ist ungelenk, stellenweise langweilig, stellenweise mit Szenen gefüllt, die überflüssig sind, weil sie nichts Neues bieten. Für Mildway setzt die Geschichte an irgendeinem scheinbar beliebigen Punkt ein, der sich in keiner Weise durch irgendetwas auszeichnet. Die Geschichte mit Genevra war interessant - aber was hätte gefehlt, wenn man erst später eingestiegen wäre? Erst nach über hundert Seiten kommt man zu der Szene, die im Klappentext als "teaser" benutzt wird. Das spricht Bände, finde ich.
2. Felix Anfang ist dafür ziemlich haarsträubend, man steigt ohne Umschweife in dem Moment ein, wo es zur Sache geht - nur dass nicht ganz verständlich ist, was sich da eigentlich abspielt. Kann mir jemand sagen, was das soll, dass Felix zu Malkar geht, den er doch hasst und fürchtet, obwohl er dort 6 Jahre nicht war, nur weil ihn jemand als Hure geoutet hat und sein Freund - mit dem er 5!! Jahre zusammen war - in weinerlichem Tonfall sagt: du hast mich BELOGEN. (Ich glaube, wenn mein Freund so reagieren würde, würde ich vor lauter Lächerlichkeit und Dramatik einen Lachkrampf bekommen.) Tja, und Malkar denkt sich: die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder, vergewaltigt Felix und zerstört eben mal die (der, das??) Virtu. (Na, Gott sei dank war er vorbereitet, was?)
3. Die beiden Hauptfiguren sind gut und glaubwürdig ausgearbeitet. Aber die Situationen, in die sie mit ihren Mitmenschen geraten, wirken kleinlich und pubertär (eben um Konflikt zu schaffen, nicht weil das wirklich Sinn macht oder die Figuren so sind). Manche von den Nebenfiguren scheinen überhaupt nur aus einer Eigenschaft zu bestehen (Malkar, Robert), andere werden erst auf die eine Art beschrieben, dann sind sie doch ganz anders (ohne Übergang oder Erklärung, das betrifft hauptsächlich von Herder und Shannon, die aus keinem besonderen Grund, außer dass es dem Plot dient, nach einer Weile ziemlich unsympathisch und nervig werden). Was hinter der großen Gelehrt- und Weisheit der Zauberer von Mirador und Troia steckt, muss man mir erst noch zeigen, viel konnte ich davon nämlich nicht finden. Ab der Hälfte des Buches sind dann überhaupt alle nur noch gereizt und schnippisch, streiten ständig und können sich nicht mal aufs Frühstück einigen. Großartige Einblicke in die menschenliche Seele.
4. Auch vor dem Klischee, dass die Leute nicht über das reden können, was sie bewegt, wird nicht halt gemacht. Das mag noch angehen, wenn Felix nicht über seine Vergangenheit reden will, aber was bitte ist sein Problem mit seiner Vergewaltigung im Mirador? Es ist ja nicht so, dass ihm das nicht schon früher zuhauf passiert wäre, mein Gott, er war eine Hure! Und dass Malkar ihn vergewaltigt hat? Nun, so weit ich das verstanden habe, war das auch nicht das erste Mal - es gibt also keinen wirklichen Grund, warum er so sehr darunter leidet (unter der Vergewaltigung. Der Zauber ist eine andere Sache, aber um die geht es ja zum Schluss nicht mehr.).
5. Dann geht es eine Weile ganz gut dahin, bis zu der Stelle, als sie sich auf die Reise nach Troia machen. Hier bekommt man das Gefühl, als ob die Autorin 20 ihrer Seiten immer wieder mit "cut&paste" hintereinander gefügt hat. Sie laufen herum, aber nichts passiert, die Probleme bleiben die gleichen und werden ein ums andere Mal durchlaufen, ohne dass man einer Lösung ein Stück näher kommt. (Felix Wahnsinn und die Schwierigkeiten der Reise.) Gespickt mit ein paar Szenen, bei denen man sich hinterher denkt: aha, und wofür war das jetzt gut (das Labyrinth in Nera). Dann ist man endlich in Troia - und noch immer zieht sich das, wofür man sich am meisten interessiert - nämlich Felix Heilung - noch endlos hin. Neue Figuren werden eingeführt, noch ein paar weitere kleinliche Streits mit den Einwohnern aufgebauscht, Felix ist überhaupt völlig übergeschnappt. Und dann auf einmal, nachdem sie die glorreiche Idee haben, Mildmay zu fragen, können sie Felix, schwupps, heilen. Wunderbar. Noch ein paar Szenen mit kleinlichen Heilern (die doch eigentlich so weise sein sollen, pfui). Und das "furiose" Finale, als Felix endlich erzählt, was sich im Mirador abgespielt hat und die beiden Brüder Frieden schließen. Ich habe nach dem Moment gesucht, der mir die Tränen in die Augen treiben sollte, aber ich habe ihn nicht gefunden. Es wirkt alles ein bisschen wie: das habe ich doch schon mal gelesen.
Das Buch hat natürlich auch jede Menge gute Seiten: Die Welt ist farbenfroh und detailreich, nicht übermäßig originell aber frisch - man fühlt sich erinnert an Hugos Die Elenden oder Dickens oder Der Glöckner von Notre Dame. Mildmays Stimme ist genial und glaubwürdig. Felix Wahnsinn nachvollziehbar und faszinierend. Und ich kann gar nicht sagen, wie froh ich war, dass wir bei Monette über das Stadium der Nachttöpfe hinaus sind.
Alles in allem wirkt das Buch wie das Erstlingswerk, das es ist - nur dass es das eben doch nicht ist. Sarah Monette hat reichlich Erfahrungen mit Kurzgeschichten und an diesem Roman arbeiten sie seit 1993. Nach so einer Zeitspanne kann ich die Ausrede also nicht mehr wirklich gelten lassen. Potential ist reichlich vorhanden, wird aber nicht ausgeschöpft. Man möchte der Autorin sagen: bitte, schreib dich doch bei einem Kurs für Kreatives Schreiben ein, damit du nicht einfach irgendwelche Action-Szenen hintereinander reihst, weil du glaubst, das wäre das, was Spannung erzeugt.
Und ich ganz besonders möchte ihr noch sagen: versteck deinen PhD nicht, sondern mach ihm alle Ehren. Langweilige Bücher sind bei weitem nicht so schlimm wie oberflächliche und leere. Vielleicht bekommen wir dann mal ein Buch, das es wirklich wert ist, gelesen zu werden.