--- Inhalt & Kritik ---
Den Ausgangspunkt des Pilotfilms der Beziehungsserie MELROSE PLACE, die von 1992 bis 1999 produziert wurde, liefert die Figur des Billy Campbell (Andrew Shue). Er wird zum neuen Mitbewohner der ambitionierten und zunächst recht braven Alison Parker (Courtney Thorne-Smith). Anscheinend hat der junge, noch etwas naive Mann eine Allergie gegen T-Shirts, Hemden und allem, was seinen muskulösen Oberkörper bedeckt. Die Allergie weitet sich zu einer regelrechten Epidemie aus, weil man Matt Fielding (Doug Savant) meistens auch nur in Badeshorts antrifft. Wenn er einmal mehr anhat, dann trägt er sein Basecap ganz süß mit dem Schirm nach hinten. Es ist kaum zu glauben, wie niedlich Doug Savant, der gegenwärtig einen gestandenen Ehemann in DESPERATE HOUSEWIVES verkörpert, mit Mitte Zwanzig aussah... und wie wenig schwul sein Charakter sein darf. Da zählt Matt schon zu den ersten homosexuellen Figuren in der Fernsehgeschichte und dann wird seine Ausrichtung überdies auf die prüdeste Weise dargestellt. So waren wohl die 90er.
Allerdings gibt es eine andere Mitbewohnerin am Melrose Place, die den Esprit dieser Dekade wie keine andere in der Serie versprüht: Rhonda (Vanessa Williams, nicht die selbige aus DESPERATE HOUSEWIVES). Sie tanzt nämlich zu Cardio-Funk, einer speziellen Form des Aerobic, und trägt dabei knappe Leggins, die ihre körperlichen Attribute betonen. MELROSE PLACE ist wahrlich von Anfang an die reinste Fleischbeschau. Jake Hansen (Grant Show und wirklich nicht Viggo Mortensen, auch wenn er manchmal so ausschaut), dessen Nachname wohl kaum zufällig wie "handsome", das englische Wort für gutaussehend, klingt, bildet da keine Ausnahme. What a Man: Der trinkt seine Milch noch direkt aus'm Karton wie sich das gehört! Den weiblichen Gegenpol zu seiner puren Männlichkeit bildet Sandy (Amy Locane), welche den Prototyp des California Girls darstellt: jung, blond und von Beruf Schauspielerin.
Wenn man sich die ersten 32 Folgen von MELROSE PLACE zu Gemüte führt, erscheint es unglaublich wie böse sich die Serie entwickeln wird. Thomas Calabro als Dr. Michael Mancini und Vorzeigemann von Jane (Josie Bissett) ging seinen ehelichen Pflichten zunächst noch ganz artig nach, bevor er mit Kimberly Shaw (erst einmal nur eine Nebenrolle: Marcia Cross) eine heiße Affäre eingeht. Zudem unterscheiden sich die Anfangsfolgen von MELROSE PLACE im Hinblick zu späteren Episoden in der Themenwahl, wenn man den letzteren denn überhaupt noch welche bescheinigen kann. Damals beschäftigte sich die Serie noch tiefer gehend mit den Themen des Erwachsenwerden wie der Suche nach dem passenden Job, Plänen für die Zukunft, Existenz- und Geldängsten oder dem Umgang mit Enttäuschungen in Beruf und Liebe, was den BEVERLY HILLS, 90210-Ableger von seiner Teenie-Mutterserie unterscheidet.
Es dauert jedoch nicht allzu lang bis MELROSE PLACE in soapige Gefilde eintaucht. Daran ist wohl der Charakter der Amanda Woodward schuld (brillant: Heather Locklear), die zum Ende der ersten Staffel einsteigt und MELROSE PLACE erst zu dem macht, was es auch noch in der Retrospektive darstellt: eine leichte, unterhaltsame und vor allem überaus erfolgreiche Seifenoper. Locklear verkörpert das klassische TV-Biest, das eine ganze Serie zum Laufen bringt, ähnlich wie Larry Hagman als J.R. Ewing in den 80ern. Den Kultstatus darf man MELROSE PLACE aus diesem Grund und dem der prominenten Besetzung nicht verwehren. Viele Schauspieler dieser Serie haben nämlich ihre Karriere in jungen Jahren genau hierin gestartet, was MELROSE PLACE neben seinem nostalgischen 90er-Jahre-Charme einen gewissen Hype beschert. Diese Serie muss man als US-Serienfan einfach gesehen haben!
--- Die deutsche DVD-Box ---
Lange haben die hartgesottenen MP-Fans für den deutschsprachigen Release gekämpft, indem sie Online-Petitionen ins Leben riefen. Ihre unzähligen Versuche haben endlich Früchte getragen und seit gut einem Monat ist nun die erste Staffel auf DVD im Handel. Der bislang recht unbekannte Vertrieb More Entertainment hat sich die Rechte gesichert. Dies lässt sich das Unternehmen gut auszahlen, denn um diese DVD-Box sein Eigen zu nennen, darf man als Fan tief in die Tasche greifen. Ist die Box das von der äußeren Aufmachung und der qualitativen Umsetzung überhaupt wert? Eigentlich nicht.
Erst einmal ist die Qualität der DVD-Box minderwertig. Die Disc-Halterungen im Inneren des aufklappbaren Digipacks haften nicht gut und sind obendrein äußerst zerbrechlich. Als ich mein Exemplar das erste Mal öffnete, war ein Druckknopf bereits zerbrochen - so teuer angeboten, so billig verarbeitet! Man darf eben keine zu hohen Ansprüche stellen, auch nicht an die Qualität von Bild und Ton, die auf dem alterschwachen Niveau einer Videokassette steht. Dies könnte man aber noch als zusätzlichen 90er-Jahre-Charme ansehen. Die deutsche Synchronisation läuft übrigens einen ticken schneller als die englische Tonspur (PAL-Speed-Up, bei Interesse einfach mal googlen). Untertitel liegen nicht vor, genauso wenig wie Extras. Als Fan muss man sich mit den bloßen Episoden und ansprechenden Menütafeln mit Hintergrundmusik und Animationen zufriedengeben. Aber wer verlangt nach diesem langen Veröffentlichungskampf schon mehr? Da kann es ebenso wenig egal sein, dass die Originalmusik teilweise aufgrund fehlender Lizenzrechte verändert wurde. Solange es nicht den schäbig-rockigen Titelsong betrifft (I love it!!), kann's mir persönlich egal sein...
--- Einzel- und Gesamtwertung ---
Episoden: acht von zehn
Qualität Bild & Ton: fünf von zehn
Extras: null von zehn
Design DVD-Box und Menüs: sechs von zehn
Gesamt: fünf von zehn Punkten = drei Sterne (objektiv gesehen) + einen weiteren = vier Sterne
--- Fazit ---
Alles in allem muss man dafür dankbar sein, dass MELROSE PLACE, eine der bedeutendsten Serien der 90er, hierzulande überhaupt noch auf DVD veröffentlicht wird. Weil sich More Entertainment ein Herz gefasst und die Soap endlich aus den (wahrscheinlich äußerst staubigen) Archiven geholt hat, erhält die Box einen zusätzlichen Stern. Damit ist die Hoffnung verknüpft, dass schnell weitere DVD-Staffeln folgen, von mir aus ebenfalls ohne Fan-Boni. Mir reichen vorerst die bloßen Episoden in deutscher Synchronisation. Obwohl die Übersetzung in den seltensten Fällen besonders gelungen ist, zählt sie doch zum Nostalgiegefühl der deutschen Fans dazu. Anhänger der Serie, die allerdings einen hohen Anspruch an die qualitative Umsetzung stellen, sollten einen großen Bogen um diese Box machen und gegebenenfalls ihre alten Videoaufnahmen behalten. Diese beinhalten zudem die Originalmusik. Alle anderen greifen eben zur DVD-Box, obwohl diese mitnichten eine Qualitätsreferenz abgibt.