Jazz thing (09/99)
Die Linke kraftvoll marschierend, allgegenwärtig wie eine Feste Burg des Swing, die Rechte lyrisch, impressionistisch formend und voller melancholischer Eleganz. Selbst wenn es inzwischen ziemlich abgedroschen klingt: Lynne Arriales Pianistik will auf "Melody" einfach keinem der vielen gängigen weiblichen Klischees entsprechen. Stattdessen setzt die New Yorkerin einen selbstbewußten Kreislauf aus Muskeln und Verspieltheit in Gang, entzieht sich allen Vergleichen und erfindet neben ihren attraktiven Originals selbst Standards wie "But Beautiful" völlig neu. Kein anderer Elfenbeiner außer vielleicht Kenny Barron läßt im Augenblick die energetischen Impulse seiner Triopartner (Scott Colley, b, Steve Davis, ds) direkter in den eigenen Sound einfließen, niemand, nicht einmal Mehldau, verfügt auch nur im Ansatz über eine derart gepflegte, ausgewogene Anschlagskultur. So muß es fast zwangsläufig kommen, daß Hörer beiderlei Geschlechts dem Zauber von Arriales Verführungskunst rettungslos verfallen. Ein Fixstern aus Intelligenz und Leidenschaft, wie geschaffen, um den Jazz sicher ins nächste Jahrtausend zu führen.
© Jazz thing - Reinhard Köchl