Horace Walpole gilt im allgemeinen als der Begründer der gothic novel, sein Roman 'Castle of Otranto' als grundlegendes, wegweisendes Werk dieser literarischen Gattung. Maturins Melmoth hingegen wird gern als Abgesang auf die gothic novel gesehen, für mich ist er gleichzeitig ein Höhepunkt, denn ich empfinde den Melmoth als eines der gelungensten Werke dieses Genres, mit seiner melancholischen Düsternis, seinem Abtauchen in die innerste Menschenseele. "Wenn ich irgendein Talent besitze, so ist es das, Düsteres noch zu verdunkeln und Trauriges noch schwermütiger zu machen, das Leben in Extremen zu malen und die Kämpfe der Leidenschaft zu schildern, in denen die Seele an der Grenze des Unerlaubten und Unheiligen zittert." Dies Zeugnis hat Maturin sich selbst ausgestellt und dabei dem sprichwörtlichen Nagel tatsächlich mal wieder einen aufs Haupt gegeben.
Ein Kontrakt, verbotenes Wissen gegen seine Seligkeit einzutauschen, bestimmt wie in Goethes Faust den Kern der Handlung. Das Einzigartige bei Melmoth: er muß, um sich von der Gültigkeit dieses Vertrages loszusagen, einen anderen Menschen finden, der sich an seiner Stelle den Vertragsbedingungen unterwirft. So irrt er also ruhelos wie der ewige Jude oder der fliegende Holländer durch die Welt, stets auf der Suche nach einem Nachfolger. Nicht in der Spiritualität der Gottesgnade oder ähnlichem winkt Melmoth dem Wanderer die Erlösung, sondern in den Kerkern der Gefängnisse und Irrenhäuser, den Brutstätten der Verzweiflung. Seine eigene Rettung muß also den Untergang und die Verdammnis eines anderen bedeuten. Ein immerwährender Zwiespalt, in dem Melmoth sich befindet, da er durchaus eines gewissen Mitgefühls fähig ist.
Maturin siedelt die Handlung im katholischen Spanien an, wo die Schrecken der Inquisition herrschen, deren Keller und dunkle Gewölbe auch sinnbildlich für die unbewußte Tiefe der menschlichen Seele stehen. Und nicht nur die menschenverachtenden Praktiken der Inquisition werden im Melmoth angeprangert, auch andere Mißstände werden aufgezeigt, so zum Beispiel der Kolonialismus (in dem Dialog zwischen dem Mädchen Immalee und Melmoth). Obwohl einige Passagen für den heutigen Leser etwas zäh wirken mögen - ein immer wieder lesenswertes Buch.