INTRO
Nein. Nein, nein und noch mal nein, dieses Album ist kein Kompromiß, kein allgemeinverträglicher Aufhänger als Besänftigung oder Friedensangebot an Formathörer und solche, die diesem Platz im Heft die Berechtigung absprechen. Dieses Erzeugnis ist Experiment und Postulat zugleich. Wunderbar, also: was ist es? Ein Schweizer Duo, namentlich Christian Zehnder (Stimme, Bandoneon, Akkordeon, Holzrohr, Melkmaschinenorgel) und Balthasar Streiff (Trompete, Alphorn, Holzrohr), schloß sich für "Melken" in einer Holzkapelle im Kanton Graubünden ein und improvisierte, angetan und beeinflußt von der spezifischen Akustik, um seine musikalischen Themen herum. Was damit erreicht wurde, ist ein sehr waches, geistesblitzdurchjagtes und gefühlvoll erbautes Album über zwei Menschen in einem Raum und ihre Möglichkeiten, diesen auszufüllen. Dabei schwebt über ihren Liedern die Tradition der Instrumente, aber auch der Versuch, den halsstarren Ernst dieser Traditionen zu erweichen. Die wohl außergewöhnlichste Extension des Klangbildes liefert Christian Zehnder mit dem Einsatz des Obertongesangs, der in Kombination mit Alphorn als mutmaßlich erster Fernost-Alpen-Crossover gewertet werden muß. Über die Sphäre des Openers "Intramontan" hinaus bleiben STIMMHORN in einem Umfeld der Behaglichkeit und zeigen uns, so es interessiert, wie die paar Sachen, die sie spielen, klingen können. Ein schönes Angebot. Auf die von der Melkorgel (drei an eine Melkmaschine angeschlossene Orgelpfeifen, das vierte Ventil gibt als Taktende ein Klappengeräusch von sich) begleitete, sehr statische "Melksuite" folgt MILES DAVIS' "All Blues", virtuos auf dem Alphorn (!) umgesetzt. Beim "Zitterkyrie" angekommen, stellt sich uns ein erster humoristischer Klotz in den Weg, will doch die programmatische Umsetzung des Titels unter Einbeziehung des "Wippkordeon" so gar nicht ernst gemeint wirken. Sollten hier am Ende nicht nur Musikstudenten auf dem Egotrip sein? Genau das ist der Punkt. STIMMHORN unterhalten. Zwar atmosphärisch durchdacht (daß das fünfminütige "Lautatio Vitae" mit einer Duo-Besetzung keine Spannungsausfälle hat, grenzt an ein Wunder), doch nie distanziert oder geistig verklärt. Zehnders Gesangsstil ist zudem das Eigenartigste, was ich seit langem zu hören bekam, er singt keine Texte, sondern schlabbert seine Töne, hechelt, jodelt partiell und scheint jederzeit vom angesetzten Ton entweder in ein pathetisch übertriebenes Baritongebrumme oder das pfeifende Khöomei (Kehlkopfgesang) umkippen zu wollen. Das macht Spaß und ist sicherlich avantgardistisches Entertainment. Zudem machen Songtitel wie "Alperidu" oder "Rendez-vous Mit Röhrendem Hirsch" unmißverständlich die Stoßrichtung klar, abgesehen vom jazzigen Gestus und der akademischen Ausführung dieser beiden sehr wohl geschulten Herren, sind sie sicherlich ziemlich lustige Zeitgenossen. Das erkennend, sind sie in der Schweiz zudem im Vertriebshaus "RecRec" daheim, was Qualitätssiegel genug sein sollte.
Carsten Sandkämper / © Intro - Musik & so
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