Ein ungewöhnliches Leben. Melitta Gräfin Stauffenberg, geborene Schiller (1903-1945). Eine leidenschaftliche Fliegerin, eine engagierte Ingenieurin und Wissenschaftlerin, mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, Schwägerin des Hitler-Attentäters Stauffenberg, die jedoch aufgrund ihrer kriegswichtigen Tätigkeit bald aus der Sippenhaft entlassen wurde. Und das alles trotz ihrer jüdischen Vorfahren!
Der Vater hatte sich vor Beginn seines Studiums bei Erreichen der Volljährigkeit taufen lassen. Die Kinder erfuhren davon erst spät. Die Gefahr der Aufdeckung hing immer wie ein Damoklesschwert über ihnen. Ein Antrag auf Gleichstellung mit arischen Personen wurde erst im Jahre 1944 genehmigt, vermutlich aufgrund von Littas außergewöhnlichen Leistungen, wie ihre Schwester Klara bemerkt.
Ein ungewöhnlich begabtes Mädchen. Eine Schulfreundin vom Hirschberger Mädchengymnasium berichtet, wie sich Litta schon damals für die Physik interessierte, sich mit dem Problemen der Fliegerei und des Raketenflugs beschäftigte. Daneben hatte sie auch ein lebhaftes Interesse an der Philosophie: Plato, Kant, Schoppenhauer. Eines Tages erwähnt Litta gegenüber der Freundin Gedanken Schopenhauers zur Ethik: " ... nachdem es nun nicht möglich ist, ein glückliches Leben zu führen, bleibt nur übrig, ein heroisches Leben zu führen." Nach dem glänzend bestandenen Abitur begann sie ein Studium in München. Bereits im Jahre 1923 versuchte Melitta sich zur Pilotin ausbilden zu lassen. Die Bitte wurde jedoch abgelehnt. Erst im Jahre 1929 gelang der damals bei der DVL (Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt) tätigen Ingenieurin die Überwindung aller Hindernisse: sie begann eine fliegerische Ausbildung. Nach und nach erwarb sie die unterschiedlichsten Flugscheine für Land- und Seeflugzeuge und auch den Kunstflugschein.
1936 wechselte Melitta von der DVL zu den Askania-Werken in Berlin-Friedenau, wo sie eine Mitarbeiterin des genialen Spezialisten für Fernmeß- und Fernsteuertechnik, Kurt Wilde, wurde. Derselbe Kurt Wilde, der nach dem zweiten Weltkrieg die Askania Werke AG Bodenseewerk Überlingen gründete, die nach einer wechselhaften Geschichte heute zum Diehl-Konzern gehört. Er befasste sich schon damals mit automatischen Steuerungen, so galt es zum Beispiel automatisch gesteuerte Flugzeuge für Übungszwecke der Fliegerabwehr zu erproben.
Eine der Hauptaufgaben von Melitta: die Entwicklung eines sogenannten Sturzflugvisiers für Sturzkampfbomber. Sie führte die dazu notwendigen Sturzflüge selber durch. Dazu Kurt Wilde: "Meines Wissens gibt es keinen männlichen Piloten, der Sturzerprobungsflüge in solch hoher Zahl durchgeführt hat wie Ihre Frau Schwester." Gerhard Bracke erzählt hier wie auch an anderer Stelle nicht nur das Geschehen rund um Melitta, sondern erläutert auch Hintergründe, insbesondere den geschichtlichen Zusammenhang. Im Falle des Dive-Bombing geht er zurück ins Jahr 1919 und schildert die amerikanische Entwicklung von neuen Luftkampfmethoden. Diese fanden unter anderem ihrem Einsatz in den 1927-er Angriffen auf die nicaraguanischen Sandinisten, die von der unbekannten Taktik überrascht wurden. Dass sich die Idee des Dive-Bombing in Deutschland durchsetzte, ist auf Ernst Udet zurückzuführen, der im ersten Weltkrieg von Manfred Richthofen in die Jasta 11 geholt wurde und im April 1918 das Kommando der Jasta 4 übernommen hatte. Mit 62 Abschüssen war er der zweiterfolgreichste Jagdflieger des Ersten Weltkrieges. Hermann Göring köderte Udet über dessen Sturzflugbegeisterung zur Mitarbeit. Udet kaufte 1933 in den USA zwei Curtiss-Hawk, die Rechnung ging an das Deutsche Reich. Mit diesen beiden Doppeldeckern wurde auch die Stuka-Idee importiert. Problemlos. Das US-Verteidigungsministerium hatte keine Einwände gegen den Export. Nicht jeder in Deutschland war sofort von der Idee des Sturzfluges überzeugt, so verhielt sich zum Beispiel Wolfram Freiherr von Richthofen, Vetter des berühmten Jagdfliegers aus dem Ersten Weltkrieg und der Chef der Entwicklungsabteilung im Reichsluftfahrtministerium, ablehnend. Erst die Demonstration auf dem Reichsparteitag 1935 konnte die Verantwortlichen überzeugen. Das neue Aufrüstungsprogramm der Luftwaffe führte bis zum Jahr 1938 zur Aufstellung von drei Stuka-Geschwadern mit 27 Staffeln.
Zurück zu Melitta, neben ihrer beruflichen Tätigkeit nahm sie auch an Wettbewerben teil, so gewann sie zum Beispiel 1938 im Zuverlässigkeitsflug der Sportfliegerinnen zusammen mit ihrer Orterin Hildegard Alt vor dem Team Beate Köstlin / Gerda Völker. Beate Köstlin ist heute besser bekannt unter dem Namen Beate Uhse.
Dabei empfand sich Melitta Gräfin Stauffenberg keineswegs als Vorreiterin der Emanzipation oder gar als Suffragette wie sie in ihrer Stockholmer Rede 1943 ausführt. Vielmehr war es der Zauber der Fliegerei und ihr Interesse für naturwissenschaftliche Dinge. Alles andere ergab sich daraus. Die damaligen Werte des Frauentums hat sie nicht in Frage gestellt.
Die Verbindung zu den Stauffenbergs ist übrigens auf Melittas Kollegen bei der DVL, den Ingenieur und Professor Dr. Paul von Handel, zurückzuführen. Alexander von Stauffenberg, ihr späterer Mann, war der Vetter von dessen Frau. Eine Fotografie der Hochzeitsgesellschaft der von Handels zeigt Melitta neben Claus von Stauffenberg.
Wer in diesem Buch jedoch Familieninterna sucht, sucht vergeblich. Die Schwerpunkte liegen eindeutig auf der beruflichen Tätigkeit von Melitta sowie im geschichtlichen Zusammenhang: die Tätigkeit für die DVL, die Askania Werke, die Luftwaffenerprobungsstelle Rechlin, die Technische Akademie der Luftwaffe in Berlin-Gatow. Die Zusammenhänge mit der Verleihung des Eisernen Kreuzes werden ausführlich erläutert. Dem 20. Juli 1944 ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Des Weiteren werden die Umstände ihres Todes knapp vor Kriegsende diskutiert. War es Gestaposabotage, Selbstmord, Abschuss durch die eigene Flak oder waren es doch die Engländer?
Alles in allem schreibt Gerhard Bracke sehr faktenorientiert, zitiert auch im Text Quellen, dokumentiert sehr ausführlich. Auf den letzten fünfzig Seiten findet der Leser Anmerkungen, Nachwort und Danksagung, ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, Dokumente (auch technische Skizzen, Melittas Bericht über das Nachtlandeverfahren und mehr) sowie ganz zuletzt ein Register.
Mein Fazit: Eine umfangreiche Beschreibung des Lebens von Melitta Gräfin Stauffenberg. Gut lesbar, flüssig geschrieben. Ein außergewöhnliches Leben, eine außergewöhnliche Frau. Nicht nur für flugbegeisterte Leser interessant. Man lernt so nebenbei sehr viel über die technische Entwicklung der Luftfahrt während des Dritten Reiches. Ein Buch, für das ich gerne mehr als nur fünf Sterne vergeben würde.
Tipptopp!
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Nachtrag:
Ein Antrag auf Gleichstellung mit arischen Personen wurde erst im Jahre 1944 genehmigt, vermutlich aufgrund von Littas außergewöhnlichen Leistungen, wie ihre Schwester Klara bemerkt. In
Der andere Stauffenberg: Der Historiker und Dichter Alexander von Stauffenberg schreibt Karl Christ, dass die Gleichstellung bereits 1941 erfolgte. Siehe dort Seite 52: Während Melitta Schiller noch am 7.5.1940 von der zuständigen Stelle als "jüdischer Mischling mit zwei der Rasse nach volljüdischen Großeltern" bewertet wurde, dekretierte die Reichskanzlei am 30.6.1941: Der Führer hat die Melitta Klara Gräfin von Stauffenberg geborene Schiller .... deutschblütigen Personen gleichgestellt.
Ein interessanter Zufall:
Nicht nur
KURT WILDE - Erinnerungen an sein Leben und Wirken, der frühere Vorgesetzte der Gräfin, lebte nach dem Krieg in Überlingen am Bodensee, wo er die Bodenseewerke aufbaute, auch den Ehemann Alexander zog es dorthin. In seinem Fall lag es jedoch daran, dass er in Würzburg ausgebombt war, Freunde aus dem George-Kreis, die am See wohnten, ihn aufnahmen. Aus dem George-Kreis stammt im Übrigen auch seine zweite Ehefrau, die seit 1938 in Überlingen lebte. Marlene von Stauffenberg, geb. Hoffmann, war es, die den Schwur der Verschwörer an einen sicheren Ort in einem Alpental am Dachsteingebirge brachte. Es handelt sich um das einzig erhaltene Exemplar. Siehe auch S. 142 der oben genannten Alexander von Stauffenberg-Biografie.