László F. Földényi wurde 1952 in Debrecen (Ungarn) geboren und gilt heute als der bedeutendste Intellektuelle bzw. Philosoph Ungarns. Er ist Essayist, Kunsttheoretiker, Literaturkritiker, Übersetzer (u.a. Max Frisch, Heinrich von Kleist) und lebt heute mit seiner Familie in Budapest, wo er an der Universität Dozent für Vergleichende Literaturwissenschaften ist.
Das Buch "Melancholie" enthält derart viele philosophische, literarische Informationen, dass man es mehrmals lesen sollte. Die Rahmenerzählung bilden die Geschichte der Melancholie und der Versuch, dieses Wort in seiner Bedeutung einzugrenzen. Melancholische Charaktere werden anhand all der berühmten Dichter, Philosophen, Intellektuelle, Politiker, Ärzte, Physiker, Biologen kurz und gut aller bedeutender Geistes- und Naturwissenschaftler gedanklich zerpflückt. Angefangen wird mit der Zeit des Hippokrates und mit medizinischen Überlegungen hinsichtlich melancholischer Typen. Über die griechische Philosophie und Literatur gelangt Földényi in die Zeit des Mittelalters, der Renaissance bis zum heutigen Verständnis des Wortes Melancholie, das stark mit der Geschichte der Psychiatrie und Neurologie verknüpft wird (Verbindungen mit dem Wort Depression, Wahnsinn z.B.). Die Melancholie wird schließlich auch zu einem krankhaften Zustand erklärt wobei es Földényi schafft, entgegen aller konventioneller Meinungen über diesen angeblich passiven, krankhaften, negativen Zustand, die "Melancholie" als ein positives, sehr kreatives und letztendlich produktives Gefühl anzupreisen, als "sich in der Unendlichkeit verlieren um gestärkt aus dieser wieder hervorzukommen". Im Prinzip unternimmt Földényi eine Reise durch die Europäische Geistesgeschichte. Dies geschieht mit sehr viel Wissen, Einfühlungsvermögen und kritischer Hinterfragung bestehender Tatsachen. Nahezu alle wichtigen Namen aus dem Bereich der Kultur- und Geisteswelt seit Platon kommen hier zu Wort und das erhebt für mich dieses Buch zu einem wissenschaftlich fundierten Werk über den Urgrund der menschlichen Seele. Im Zusammenhang mit der "Melancholie" werden Wörter wie Liebe und Tod einer näheren Bedeutungsuntersuchung unterzogen.
Ein paar Sätze aus diesem Buch:
... steht auf der Fassade des Orakels von Delphi: die Zukunft ist in uns, nicht außerhalb von uns; wir selbst machen das Kommende zur Zukunft, die Zeit zur Zeit, d.h. mit anderen Worten, wir sind nicht der Zeit sondern einzig und allein uns selbst ausgeliefert.
Das melancholische Leiden, das vom Leben verursacht wird, dient auch als Grund für eine neues Leben: "Wir träumen von Reisen durch das Weltall" - so Novalis - "ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft. Die Außenwelt ist die Schattenwelt, sie wirft ihren Schatten in das Lichtreich" (Novalis). Die Umrisse einer inneren Welt entfalten sich vor dem Melancholiker, der sich immer mehr von den irdischen Dingen, von den greifbaren Tatsachen entfernt. Diese neue Welt lässt sich mit nichts vergleichen; es schein, dass der Mensch nur durch die Erschaffung dieser inneren Welt unvergleichlich und einmalig zu werden vermag, nicht durch ein äußeres Handeln.
Unser Bild von der Melancholie wird bis zum heutigen Tage von der Auffassung der Renaissance geprägt. Trauer und tiefe Nachdenklichkeit werden zu ihren bezeichnendsten Phänomenen.
"Die Geschlossenheit und die Offenheit, die Endlichkeit und die Unendlichkeit sind Kennzeichen ein und derselben Person, und wenn ihre Schwerpunkte sich auch verlagert haben, so sind sie doch bis zum heutigen Tage fühlbar."