Dies ist das ideale Buch für Menschen, die nur wissen, das Melville 'Moby Dick' geschrieben hat, oder die immer wieder an dessen langer Einleitung scheitern. Es ist aber auch für alle geeignet, die das Vorurteil abbauen wollen, dass hohe Literatur nicht unterhaltsam sein kann.
Nehmen wir 'Die Veranda': Ein Mann hat sich eine abgelegene Hütte gekauft, entdeckt eine weitere Hütte oben in den Bergen. Dort, denkt er, müssten wahrlich zufriedene Menschen wohnen! ' Eines Tages macht er sich auf den Weg dorthin und findet eine trübsinnige Frau, die denkt, die in der Hütte dort unten müssten zufriedener sein. (Es ist natürlich die Behausung des Mannes.)
Noch amüsanter ist 'Der Blitzableitermann': Dieser dringt während eines heftigen Gewitters in ein Haus ein und warnt den dort Wohnenden eindringlich vor all den Gefahren, die von Blitzen ausgeht. Dagegen könne man eigentlich nur seine Blitzableiter kaufen. Nach einigem Hin und Her wirft ihn der Hausherr hinaus. ' 'Aber obgleich ich ihn auf diese Weise behandelt und meine Nachbarn vor ihm gewarnt habe, ist der Blitzableitermann noch immer im Lande, reist zur Unwetterzeit umher und schachert mit der Furcht der Menschen.' (Schon vor etwa 150 Jahren hat man also vor den Machenschaften fliegender und sonstiger Händler gewarnt.)
Mit 'Die Encantadas oder Verwunschenen Inseln' können wir den vielleicht nicht sprachlich, aber formal überraschend modernen Melville kennenlernen. Diese längere Erzählung besteht aus zehn Skizzen, beginnt wie eine literarische Reportage (die Wikipedia standhält) und berichtet dann aus verschiedenen Blickwinkeln vom Schicksal einer auf den Inseln gestrandeten Frau.
'Bartleby' funktioniert als 'ganz normale', witzige Erzählung, geht aber tiefer. Vordergründig gehts um einen Schreiber, der Aufforderungen/Befehlen seines Chefs nicht nachkommt mit der Aussage 'Ich möchte lieber nicht'. Er lässt sich auch nicht hinauswerfen, ohne dass man sein Vorgehen tatsächlich als passiven Widerstand bezeichnen könnte.
Und: Das muss man einmal zusammenbringen: ein langweiliger Rechtsanwalt als trockener Ich-Erzähler und trotzdem ist 'Bartleby' interessant zu lesen.
Auf jeden Fall beschäftigt einen diese und die anderen Geschichten über das unmittelbare Lesen hinaus. Um es mit Camus zu sagen: 'Melvilles bewundernswerte Bücher gehören zu den seltenen Werken, die man auf verschiedene Art lesen kann; sie sind einleuchtend und geheimnisvoll zugleich, klar wie das hellste Sonnenlicht und doch dunkel wie ein tiefes Gewässer.'