1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Mit Jux und Tolerei !, 3. April 2011
Rezension bezieht sich auf: Meistererzählungen (Taschenbuch)
O Henry gehört bis heute zu den populärsten und, damit einhergehend, auch nicht zu den unumstrittensten Meistern einer bestimmten amerikanischen Disziplin, die sich im Amerika seiner Zeit zu etablieren begann und der sich neben ihm auch
Mark Twain,
Ambrose Bierce und später Größen wie
William Faulkner,
Sherwood Anderson und
Ernest Hemingway verschrieben hatten: Der "amerikanischen" Short Story.
Etwa 600 kurze Geschichten hat O Henry zwischen 1900 und seinem Tod 1910 geschrieben - meistens für Zeitschriften und auf Bestellung, wohlgemerkt.
Um 1900 ist Amerika ein gespaltenes und gegensätzliches Land; die Vergangenheit der Teilung (die imaginär weiterbestehen wird) und des Sezessionskrieges ist noch immer spürbar, genauso wie der Präriewesten (wahrscheinlich heute immer noch ein wenig) ein scharfer Kontrast zu dem Großstadtleben in New York ist. O Henry hat beide Seiten beschrieben (er hatte Erfahrung als Cowboy und lebte kurze Zeit in Honduras), doch darf man in ihm keinen wirklichen Chronisten amerikanischer Geschichte sehen - höchstens als Chronist amerikanischer Geschichten.
Er ist das, was man einen guten Geschichtenerzähler nennt; mit Temperament und einigen Standards gelingt es ihm Musik mit einfachen Variationen zu komponieren und eher seichte Pointen und Handlungspunkte anzubringen. Im Gegensatz zu Mark Twain kitzelt er nicht an der Erheiterung der Leser, sondern erzählt so etwas wie Alltagsgeschichten, die ein bisschen mit Skurrilität gewürzt wurden.
Ein kleines Beispiel für die Art O Henrys einfachen Witz mit Stil zu mobilisieren und anzubringen sei hier beigelegt:
-Zwanzig Meilen westlich von Tuscon hielt der >>Sunset Express<< an einem Tank, um Wasser aufzunehmen. Außer der nassen Fracht sackte sich die Lokomotive des berühmten Blitzzuges noch andere Dinge auf, die nicht gut für sie waren.
Während der Heizer den Speiseschlauch herabließ, krochen Bob Titball, 'Hai' Dodson und ein Creek Indianer mit Namen John Dicker Hund auf die Lokomotive und zeigten den Lokführer drei runde Mündungen der Kanonen, die sie mithatten. Die Mündungen beeindruckten den Lokomotivführer so sehr, dass er beide Arme mit einer Bewegung hob, wie sie sonst den Ausruf: "Na so was!" begleitet.-
Egal ob es um einen Autor geht, der mit seiner Hauptfigur streitet, um die altbekannte Geschichte, dass man nicht nach Geld, sondern nach Liebe gucken soll und um die kleinen Geschichten, in denen Gauner hinter Lichter führen und dahinter geführt werden, O Henry bewahrt Pointe, Tempo und Bodenhaftung - übersetzt teilweise von Heinrich Böll.
Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
War diese Rezension für Sie hilfreich? Ja
Nein