Zum Verfassen eines Artikels über das Meister-Schüler-Verhältnis ermuntert, wollte ich wissen, was andere Autoren zu diesem Thema zu sagen haben. Dabei stieß ich wegen des Titels automatisch auf dieses Buch von George Steiner, das der 1929 in Paris geborene Literaturwissenschaftler 2003 verfasste. Obwohl der lange Untertitel auf der deutschen Ausgabe klar sagt, dass sich der Autor Vorbilder wählte, die zum humanistischen Bildungsgut gehören und eine Spezialstellung einnehmen, erwartete ich doch, George Steiner würde Verhaltens- und Beziehungsmuster herausarbeiten, die auch auf gelungene Meister-Schüler-Verhältnisse der Gegenwart übertragbar sind. Doch diese Erwartung erfüllt der Autor nur bedingt. Vor allem weil es schwer fällt, in seinen Beispielen reale Personen zu sehen.
Die Verklärung großer Lehrer der Weltgeschichte wirkte auf mich wie eine riesige Projektionswand, auf der George Steiner seine idealistischen Bilder ablichtet. Und selten schwappte seine Begeisterung für exemplarische Meister auf mich über. Das ist umso bedauerlicher, weil ich überzeugt bin, das ein guter Lehrer brennen muss, um bei seinen Schüler den Funken zu entzünden, der sie antreibt und im Dunkeln die Wege erkennen lässt. Inspiration ist nicht an große Namen gebunden. Die Meister, denen ich viel zu verdanken habe, haben keine Einträge auf Wikipedia und werden an der Schule nicht zitiert. Aber dafür waren sie weniger abgehoben, realer und ermöglichten Begegnungen auf gleicher Augenhöhe.
Was das Buch besser vermittelt als überzeitliche Muster erfolgreicher Lehrer-Schüler-Verhältnisse, beschreibt ein Satz aus dem Klappentext: "George Steiner, entwirft ein vielschichtiges Panorama der Kultur- und Geistesgeschichte aus dem Blickwinkel des spannenden und oft gespannten Verhältnisses zwischen großen Lehrern und ihren Schülern."
Mein Fazit: Der konzeptionelle Ansatz und die sprachlichen Formulierungen erinnerten mich eher an Exkurse meines Lateinlehrers als an ein zeitgemässes Essay über Meister als Lehr- und Lebensbegleiter hungriger, wissensbegieriger und ehrgeiziger Schüler. Schade, dass George Steiner dem Leser kaum Antworten gibt, worauf er auf der Suche nach einem Meister achten soll und welche Pflichten er eingehen muss, wenn die Zusammenarbeit erfolgreich sein soll.