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Der Autor Michail Bulgakow war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Vierteljahrhundert tot. Zu Lebzeiten (18911940) war er in schweren Konflikt mit den Machthabern geraten. Wo das Kollektiv und die strikte Parteidisziplin zur Staatsdoktrin wurden, bekannte er sich zum Individuum und zum persönlichen Gewissen. Schon in seiner makellosen, ja aristokratisch anmutenden äußeren Erscheinung verkörperte Bulgakow das Gegenbild der uniformen bolschewistischen Propaganda. Das Regime quittierte seine literarische Unbeugsamkeit mit einer Hetzkampagne. Im Jahr 1930 bilanzierte Bulgakow das sowjetische Presseecho auf sein Werk von insgesamt 301 Artikeln beschimpften ihn 298. Im Mai 1931 wandte er sich in seiner Verzweiflung mit der Bitte um die Ausreisegenehmigung in einem tollkühnen Brief direkt an Stalin: Auf dem weiten Feld der Lite¬ratur war ich in der UdSSR der einzige literarische Wolf. Man gab mir den Rat, mir den Pelz zu färben. Ein törichter Rat. Ob gefärbt oder geschoren ein Wolf wird nie wie ein Pudel aussehen. Vergebens wartete der Schriftsteller auf eine Antwort.
Nur die physische Vernichtung ersparte ihm der Tyrann, der mit einer zynischen Art von sportivem Respekt auf die kompromisslose Gradlinigkeit dieses Autors reagierte: Bulgakow geht richtig ran! Der bürstet gegen den Strich!, soll der Kremlherr über den literarischen Outlaw gesagt haben. Er befahl, Bulgakow durch die Arbeit an Moskauer Theatern eine Existenz zu ermöglichen. Von einem Publikationsverbot eingeschnürt und von Angstattacken heimgesucht, widmete der Schriftsteller die Jahre, die ihm bis zu seinem frühen Tod infolge eines schweren Nierenleidens blieben, vor allem der Arbeit an seinem phantastischen Hauptwerk Der Meister und Margarita.
An einem schönen Frühlingstag erscheint mitten in Moskau ein höchst sonderbarer Herr mit einem schwarzen und einem grünen Auge und einem Stock mit schwarzem Knauf in Form eines Pudelkopfes. Er schaltet sich in das Gespräch ein, das ein sowjetischer Redakteur mit einem Poeten über dessen Auftragsarbeit führt ein atheistisches Gedicht über Jesus. Der Fremde tritt als ausländischer Konsultant und Spezialist für Schwarze Magie auf und gibt sich zugleich als Zeitgenosse mal von Kant, mal von Pilatus aus. Er nennt sich Voland wie Goethes Mephisto in der Walpurgisnachtszene des Faust. Diesem Werk entstammt auch Bulgakows Romanmotto, das die Befreiung antizipiert, die in der diabolischen Verneinung sowjetischer Jasagerei liegt: Nun gut, wer bist du denn? Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.
Der Leibhaftige mischt das kommunistische Moskau auf zusammen mit zwei Gefolgsleuten, die sich wie er selbst allzeit in Luft auflösen können und deren einer gern die Form eines unförmigen schwarzen Katers annimmt, riesengroß wie ein Eber.
Die phantastische Erzählweise hat Bulgakow von seinem großen Landsmann Nikolai Gogol gelernt. Der hatte einst in den berühmten Erzählungen Die Nase und Der Mantel mit dem realistischen Duktus des Chronisten von der grotesken Verselbständigung und Vermenschlichung eines Riechorgans und eines Kleidungsstücks erzählt.
Voland prophezeit dem linientreuen Sowjetredakteur die bevorstehende Enthauptung kurz darauf wird dem bei einem Bahnunfall der Kopf vom Rumpf getrennt. Die Miliz macht mit Maschinengewehren Jagd auf den vermeintlichen Hypnotiseur und Spion samt seinem unheimlichen Gefolge. Mit solchen Mitteln ist der teuflischen Bagage freilich nicht beizukommen. Die hinreißende Komik der Ereignisse gipfelt in einer Varieté-Veranstaltung des Schwarzen Magiers Voland. Bei der wird einerseits die Doppelmoral der Apparatschiks vorgeführt und der Lächerlichkeit preisgegeben. Andererseits erweist sich, dass auch das gewöhnliche Moskauer Publikum keineswegs aus Neuen Menschen besteht: Der Magier lässt Rubelscheine regnen, und geldgierig wie eh und je stürzen sich die Leute darauf. Doch alsbald müssen sie entdecken, dass sich der unverhoffte Reichtum in Papierschnitzel, Flaschenetiketten oder gar ein Fall für die Miliz in streng verbotene Dollarscheine verwandelt hat.
Der anarchisch-subversive Humor charakterisiert nur eine der Handlungsebenen des vielschichtigen Romans. Eine zweite ist die Jesus-Geschichte, die Bulgakow parallel zur Teufelsgeschichte neu und eigenwillig erzählt. Der fiktive Urheber des Jesusromans im Roman ist ein geheimnisvoller, offiziell verpönter, im Moskauer Irrenhaus internierter Meister, dem nur die Geliebte Margarita zur Seite steht die dritte, titelstiftende Ebene. In diesem Paar hat Michail Bulgakow sich selbst und seine dritte Ehefrau Jelena Sergejewna porträtiert, die ihm bis zuletzt die Treue hielt.
Für die Jesus-Geschichte, die im Jerusalem des Pontius Pilatus zur Zeit der Kreuzigung spielt, hat der Autor die einschlägige historische Forschung studiert und benutzt eine umfangreiche Sekundärliteratur hat das nachgewiesen. Dem Autor geht es nicht um den theologischen Kern des Evangeliums vom Gottessohn; eine Auferstehung findet in der Jesus-Version des Meisters darum ausdrücklich nicht statt.
Für den russischen Schriftsteller ist der historische Jesus ein außergewöhnlicher Mensch: Als Urbild eines unerschütterlichen Gewissens hat er eine völlig neue Vorstellung von Humanität in die Welt gebracht. In der vom Meister verfremdeten Passionsgeschichte behandelt Bulgakow in verschlüsselter Form das, was in der Moskauer Teufelsgeschichte ausgespart bleibt: die Mechanismen von politischer Herrschaft, Terror und Geheimpolizei. Der Roman-Jesus sagt als Gefangener zum römischen Statthalter Pilatus, dass von jeder Staatsmacht den Menschen Gewalt geschehe und dass eine Zeit kommen werde, in der kein Kaiser noch sonst jemand die Macht hat. Der Mensch wird eingehen in das Reich der Wahrheit und Gerechtigkeit, wo es keiner Macht mehr bedarf. So ist Bulgakows Jesus als Modell des verfemten und unbeugsamen Schriftstellers verstanden worden. Und kein Geringerer als Gabriel García Márquez hat den phantastischen Teufels- und Jesusroman, in dem Satire und Mystik, Autobiographie und Geschichte einander auf so einzigartige Weise ergänzen, zur bedeutendsten Erscheinung in der Literatur des 20. Jahrhunderts erklärt.
Nachwort von Rainer Traub zu Der Meister und Margarita. SPIEGEL-Edition Band 29
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72 von 79 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein Jahrhundertwerk,
Rezension bezieht sich auf: Der Meister und Margarita: Roman (Taschenbuch)
Wenn ich meine zehn Lieblingsbücher aufzählen sollte, wäre ich ratlos -- mindestens 500 sollten es schon sein, die auf die berühmte einsame Insel mitkommen dürften. Aber man könnte mich fragen, ob "Der Meister und Margarita" von Bulgakow mit von der Partie wäre, und darauf würde ich ohne Zögern mit "ja" antworten.In diesem Roman kommt unendlich vieles zusammen, und man kann ihn auf unendlich viele Arten lesen: Als bitterböse Satire auf Stalins Staat und als philosophische Abhandlung, als phantastische Abenteuer- oder Spukgeschichte, als die ultimative Liebesgeschichte schlechthin... und natürlich ist diese Aufzählung längst nicht vollständig. Moskau, Ende der 1920er Jahre. Karwoche. Auftritt der Teufel persönlich, der in der Freitagnacht seinen alljährlichen Hexenball geben will. Bis es dazu kommt, ist in Moskau buchstäblich der Teufel los, und Funktionäre (insbesondere die regimekonformen Literaten), Denunzianten, Mitläufer und sozialistisch übertünchte Spießer bekommen gründlich ihr Fett weg; Schadenfreude darf sich hier auf höchstem Niveau ausleben. Bereits der Romananfang an den friedlichen Moskauer Patriachen-Teichen ist ein satirisches Meisterwerk, das auf allen denkbaren Ebenen zuschlägt. Bulgakov scheint hier die alte Regisseurs-Weisheit in die Literatur zu übertragen, der zufolge man die Handlung mit einem Erdbeben zu beginnen und dann allmählich zu steigern habe. Aber der satirische Rundumschlag ist nur einer der vielen Aspekte dieses Jahrhundert-Romans. Eigentlich geht es nämlich um die Geschichte von Margarita und um ihre Liebe zum Meister. Die beiden sind die Lichtgestalten im Roman; die einzigen, denen der Teufel nicht übel mitspielt, sondern denen er hilft. Margarita sucht verzweifelt ihren Geliebten, den Meister, der einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, nachdem Literaturfunktionäre sein Werk als kontrarevolutionär gebrandmarkt haben (in Stalins Staat schon fast ein Todesurteil). Sein Manuskript hat er verbrannt -- ein philosophisch angelegter Pilatus-Roman, der um die zentralen Themen Macht, Wahrheit und Wahrhaftigkeit kreist, -- und nun befindet er sich in einer Nervenheilanstalt. Um den Meister wiederzufinden, willigt Margarita ein, auf dem grandiosen Hexenball als Gastgeberin aufzutreten. Der ultimative Hexensabbath ist angesagt mit allen Schikanen und allem Zubehör... und die Suche nach dem Meister geht weiter. Den verschiedenen Handlungs- und Stilebenen in "Meister und Margarita" entspricht der Aufbau des Romans; meist wechselt von Kapitel zu Kapitel der Schauplatz: Von Stalins Moskau in das Jerusalem um 33 n.Chr., vom teuflischen Generalangriff auf realsozialistische Verlogenheit hin zur Wahrhaftigkeit Margaritas und zum philosophischen Disput zwischen Pontius Pilatus und Jeschua ha-Nasri (d.i. Jesus von Nazareth) als Roman im Roman. Trotz der deutlichen Schnitte ist die Handlung nicht zusammenhanglos; ein dichtes Geflecht aus Motiven, parallel gestalteter und einander reflektierender Figuren und Handlungen verbindet die Handlungsstränge zu einem in sich ruhenden Ganzen. Da diese Vielschichtigkeit (und vieles andere ebenfalls) auch in der deutschen Fassung hervorragend zutage tritt, muss man unbedingt auch den Übersetzer, Thomas Reschke, für diese Leistung loben. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
11 von 12 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meisterwerk,
Von
Rezension bezieht sich auf: Der Meister und Margarita (Taschenbuch)
Meister und Margarita von Bulgakow gehört neben "Hunderherz" zu den wichtigsten russischen Romanen des 20. Jahrhunderts. Einflüsse sind bis in die Gegenwartsliteratur, etwa Viktor Pelewins: "Buddhas kleiner Finger" (1996) spürbar.Eines Tages kommt der Teufel, der bereits Christus' Kreuzigung erlebt hat, auf die Erde und prophezeit einigen wichtigen Leuten den baldigen Tod. Diese sterben auch - doch der Leser hat mit ihnen kein Mitleid: es sind alles Fieslinge im Moskau der 1920-ger Jahre. Nur der Meister und Margarita, ein Liebespaar und Protagonisten des Romans, sind ausnahmslos positiv gezeichnet und gut. Es ist deren bewegendes Schicksal, um das der Roman sich dreht. Der Meister ist Autor eines Romans um Pontius Pilatus, der von den engstirnigen Literaturfunktionären abgelehnt wurde. Darüber erleidet er einen Nervenzusammenbruch und wird in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. Sein Manuskript wird verbrannt. Margarita weiß von diesem Schicksal nichts, sie hat ihren Geliebten aus dem Auge verloren. Um über sein Schicksal Aufklärung zu erhalten, ist sie bereit, die Gastgeberin auf dem Ball des Satans zu spielen. Als Lohn für diese Selbstlosigkeit wird sie wieder mit dem Meister zusammengeführt. Dies ist die erste Ebene des Buches. Auf einer weiteren Ebene wird die Kreuzigung und Auferstehung Jesu aus Sicht des Pontius Pilatus nacherzählt: es handelt sich um einen Roman im Roman; es ist die vom Teufelsmagier Voland erlebte echte Kreuzigung Christus und gleichzeitig Handlungsort des vom Meister verfassten vernichteten Romans. Diese 3 Szenen fand ich die eindrucksvollsten des ganzen Romans: Pontius Pilatus ist nicht nur ein Zauderer, sondern ein von Zweifeln und Skrupeln geplagter Mensch, der unter der Last seiner Entscheidungen beinahe verzeifelt. Es zeigt sich: die "Wahrheit" - so Bulgakow - ist differenzierter als der - durch die Überlieferung vermittelte - Schein. Doch auch die in der Realität - der Gegenwart des stalinistischen Moskaus der 1920-ger Jahre spielenden - Teile, der dritten Ebene des komplexen Buches, die vor Action, phantastischen Aktionen und skurrilen, ja aberwitzigen Situationen beinahe zu temporeich geraten sind (man meint als Leser, Gogol sei auferstanden) erinnern sehr an E.T.A. Hoffmann und verweisen satirisch auf die traurige sowjetische Realität der durch Ideologie und "sozialistischen Realismus" (die offizielle Kulturpolitik seit 1931) gegängelten Literatur. Moralische Werte zählen nicht mehr, Egoismus und verfallende Moralstrukturen kennzeichnen die sowjetische Gesellschaft seit jener Zeit. Bulgakow gibt hier nicht nur eine Schilderung der Gegenwart, unter der er selber litt (der "Meister" im Buch dürfte auch auf autobiographischer Ebene ein Spiegelbild Bulgakows sein), er zeichnet prophetisch den weiteren Gang der sowjetischen Gesellschaft im Kommunismus nach, wie es Tim Guldiman so treffend in seinem 1979 erschienenen Buch: "Moral und Herrschaft in der Sowjetunion (Suhrkamp-Verlag) nachgezeichnet hat. Insgesamt ein sehr vielschichtiger Roman. Wer die zahlreichen Bezüge verstehen möchte, der lese zusätzlich das Kapitel: "Der Sonnenuntergangs-Roman" in der (hervorragenden) Bulgakow-Biographie von Elsbeth Wolffheim (Rowohlt, 1996). Fazit: ein - schwer zu lesendes - Meisterwerk des 20. Jahrhunderts mit offensichtlicher Anlehnung an Einflüsse der deutschen Romantik um E. T. A. Hoffmann und für mich einer der bedeutendsten Romane des 20. Jahrhunderts. Unbedingt lesenswert. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
21 von 24 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Einfach Fabelhaft,
Von
Rezension bezieht sich auf: Der Meister und Margarita: Roman (Taschenbuch)
Der Teufel hält Hof im Moskau der dreißiger Jahre. Mit Leichtigkeit nützt er die Schwächen der Menschen aus und treibt sie ins Verderben. Kommunisten wie Bürgerliche, keiner kann es mit ihm aufnehmen. Nur Margarita, die seltsamen Dichters, der sich Der Meister nennt, und der im Irrenhaus sitzt, hält ihm stand.Das Buch, obwohl in den Dreißigerjahren geschrieben, weist keine Spur von Anachronismen auf. Es könnte genausogut vor drei Monaten geschrieben worden sein. Vor meinem Inneren Auge kam ein untergegangenes Moskau zum Vorschein, mit Menschen, deren Schwächen genauso zu Tage treten wie heute. Dazu kommen immer wieder Passagen aus dem Buch des Meisters über Pontius Pilatus und am Ende verbindet sich alles zu einem grandiosen Finale ohne Kitsch oder übertriebenem Zynismus. Ich habe nur gestaunt, welche Schöpferkraft da im unterdrückten Russland am Werk war. Eines der Top 10 Bücher die ich gelesen habe. Der Autor war ein Genie. Einziges Manko: In der deutschen ÜBersetzung werden die Moskauer Bewohner mit "Bürger" angeredet. "Genosse" hat der Autor vermutlich gemeint. Helfen Sie anderen Kunden bei der Suche nach den hilfreichsten Rezensionen
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