Wie in allen anderen Büchern Ava Minattis zeigt sie uns auch in diesem durchaus praktisch Zugänge zu Aspekten des ganzheitlichen Wissens über die Welt. Der Diskos von Phaistos ähnelt in seiner Form und vielleicht auch seinem inhaltlichem Gehalt nach der Scheibe des Maya-Kalenders. Beides uralte scheibenförmige Druck-Werke mit Aufzeichnungen in Bilderschrift über Seiendes, Gewesenes und Zukünftiges. Die geheimnisvollen unentzifferten Scheiben können auf verschiedene Weisen gelesen und interpretiert werden. Ava wählt für den Diskos eine ganzheitliche Betrachtungsweise und eine weitere, die mehr in die Details der einzelnen Abschnitte geht. Sie beschwört anhand des heiligen bedeutungsvollen Gegenstandes ganze Welten von mystischen Wesen und Meditationstechniken, die wie immer bei ihr den ganzheitlichen Blick auf die Welt und sich selbst als Teil davon ermöglichen sollen.
Ava - aus Tirol stammend und hier lebend und wirkend - also aufgewachsen in einem katholisch geprägten Land, in dem mehr als in anderen Gegenden Hierarchien hoch gehalten und gepflegt werden und die Neigung mehr als anderswo besteht, Unterschiede zwischen den Menschen: nach Herkunft, Klasse, Familie, Besitz, Zugehörigkeiten zu pflegen und geradezu militant zu verteidigen - verkörpert ein Paradox, aber vielleicht nur scheinbar, denn unter dieser Schicht der Engstirnigkeit, des fundamentalen Katholizismus der Tiroler, der Gebundenheit an traditionelle Werte - vielleicht nicht weit darunter liegt noch verborgen das Wissen um die heidnischen" Praktiken, die heimlich unter dem Mantel des aufgezwungenen Christentums weiterhin gepflegten schamanischen Bezüge zu Natur und Wesenheiten unsichtbarer Welten.
Ava Minatti weist in ihren Büchern immer wieder und von verschiedenen Seiten her darauf hin: nichts geschieht für sich allein, alles ist miteinander verbunden. Um die Komplexität und Vieldimensionalität des Lebens zu erfassen ist ein anderes Denken als das der Linearität nötig. Gerade jetzt, wo Weltuntergangsszenarien beschworen, befürchtet und gewünscht werden, gerade jetzt ist es wichtig zu begreifen, dass Veränderungen und Transformationen nicht DAS Ende bedeuten, sondern das Ende von etwas altem überholtem, das nicht mehr weiter führt.
Auch in diesem Buch über Kreta bietet sie verschiedene Arten der Meditation an, zeigt und benennt mittels der Wesenheiten, die sie beschreibt und den zugeordneten Meditationen verschiedene Annäherungswege. Ihr Wissen über die Einzigartigkeit der Individuen verbindet sie mit dem Wissen, dass jeder den eigenen Weg erfinden muss, die Mauer der Illusion zu durchschreiten, die ihn daran hindert, die eigene komplexe vielschichtige und vieldimensionale Wirklichkeit zu erkennen. Sie öffnet Tore, sie zeigt Wege, sie respektiert Widerstände und Schwierigkeiten. Niemals ist sie belehrend, fordernd, urteilend - sie lädt ein, sie zeigt, sie nähert sich immer wieder elegant den Grenzen an, den Knoten, die eine ganzheitliche Sicht der Welt bei jedem Einzelnen verhindern.
Sie ist eine Überschreiterin von Grenzen geworden, eine ganzheitliche Seherin und Heilerin, die mit unendlicher Geduld, unerschöpflicher Phantasie und Kreativität zwischen den Welten Wege bereitet und zeigt.